SonnTalk: Voll auf Zack

SonnTalk – Von Claudia Eckhoff

Betty hat selbst in einem großen Modehaus „Einzelhandel“ gelernt. Heute verdient sie ihr Geld an anderer Stelle, aber Shoppen zählt immer noch zu ihren Leidenschaften. Ein Kleidungsstück, das man eng über den Kopf ziehen muss, bekommt Make-up-Spuren. Dergleichen probiert man besser ungeschminkt zuhause aus und bringt es, wenn es nicht passt, sauber zurück. So kennt Betty das.

Die kleine Boutique nah ihrem Büro durchforstet sie regelmäßig. Im letzten Dreivierteljahr hat sie dort sicher 16 Mal eingekauft. Mit der netten Verkäuferin Tabea duzt sie sich schon. Die hat ihr eine Kundenkarte gegeben, mit der man bei jedem Einkauf Punkte sammeln kann, die irgendwann verrechnet werden.

Doch jetzt ist Tabea weg. Betty geriet bei ihrem nächsten Einkauf an die Chefin der Boutique höchstpersönlich. Die aber hatte wohl nicht nur die hauseigene Technik nicht richtig im Griff. Jedenfalls behauptete sie beim Einscannen von Bettys Karte: „Da sind ja gar keine Punkte drauf.“ Als Betty das nicht glauben wollte, unterstellte ihr die Chefin: „Die Karte ist wohl gefälscht!“

Betty schnappte nach Luft. Betrug wollte man ihr vorwerfen? Ausgerechnet ihr, dem überhaupt abgrundtiefst ehrlichsten Menschen der Welt?

Jetzt wurde es richtig wild zwischen den Ladys, denn – so sagt Betty – sie musste sich ja schließlich an den unmöglichen, ober-arroganten Zicken-Ton der Boutique-Chefin anpassen. „Hören Sie mal, ich habe in Ihrem Laden nicht gerade wenig gekauft“, wollte Betty auftrumpfen. Aber sie wurde abgeschmiert mit einem schnöden-blöden Satz: „Na, das liegt ja wohl im Auge des Betrachters.“

Dieser Satz hallt noch Tage später in Betty nach wie ein endloses höhnisches Alpen-Echo. Er hat sie zutiefst gekränkt. Wenn sie nur eine Schere dabei gehabt hätte! Dann hätte sie sofort und direkt vor den Augen dieser unsäglichen Person die blöde Kundenkarte verschnitten. Zack! Zack! Und noch mal Zack!

Auch alle ihre persönlichen Daten will sie in dem Laden löschen lassen. Nichts mehr soll dort an sie auch nur erinnern.

So wird man Kunden los.
Schönen Sonntag.