Spitze des Eisbergs

– Von Michael Eckhoff

Im Hinblick auf die kommenden Feiertage – Luthers Reformation, Allerheiligen – könnte man in unserem „Wort zum Sonntag“ viele wichtige Themen ansprechen. Etwa Merkel und Jamaika. Oder die Ausbreitung von gefährlichen Populisten in Europa. Oder angesichts christlicher Besinnungstage vielleicht lieber das 9. Gebot? „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“, heißt es hier, wie (fast) jeder weiß. Daran hält sich aber kaum noch jemand.

Auch das 10. Gebot wird gerne ausgeblendet: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib.“ Moses und der Bibel-Übersetzer Luther kannten dermaleinst den Begriff „Sexismus“ noch nicht, sonst wäre das Thema wohl in ihren Schriften und Geboten aufgetaucht. Sexismus ist DAS Thema dieser Tage.

Bis vor wenigen Monaten dachten wahrscheinlich viele Deutsche, fiese Grabscher, Toucher oder sexuelle Gewalt­anwender seien hauptsächlich in Nordafrika beheimatet.

Doch welche Überraschung – sie treiben doch tatsächlich ihr fieses Unwesen auch in Washington, Hollywood oder in der deutschen Provinz. Da wird zum Beispiel aktuell ein Bamberger Chefarzt – mit dem harmlos klingenden Vornamen Hans – verdächtigt, mehrere Frauen erst betäubt und dann vergewaltigt zu haben. Ein Einzelfall? Nein, leider nicht. Auch von deutschen Pflegern oder Therapeuten wurden in den vergangenen Monaten ähnliche Fälle bekannt.

Der Chefarzt ist also vermutlich „nur“ einer von etlichen. Ähnlich wie die Hollywood-Ikone Harvey Weinstein im Bühnen- oder Kino-Bereich. Denn die berühmt-berüchtigte Besetzungscouch existierte nicht allein in seinem Büro.

Ähnliches galt und gilt für Politik, Sport oder Universitäten. An einer Uni im Ruhrgebiet treib beispielsweise lange Zeit ein dicklicher Professor sein Unwesen; er hatte eine Couch im Büro stehen, auf der junge Studentinnen gerne ausgiebig betoucht wurden. Man munkelte seinerzeit, dass von der „Grabsch-Willigkeit“ manchmal auch gute Zensuren abhängig waren.

Und wenn wir schon beim Thema Moses und Gebote sind: Ausgerechnet die Kirchen sind seit ewigen Zeiten unter den schlimmsten Orten des verbotenen Lasters. Das hat auch Luther vor 500 Jahren leider nicht verändern können.

Allen Leserinnen und Lesern einen ruhigen Reformationstag am kommenden Dienstag und vorab einen schönen Sonntag.