Täglich einen Sonnenstrahl

Es ist kalt geworden. Nicht nur der Winter hat uns fest im Griff. Auch zwischenmenschlich herrscht zunehmend Eiszeit. Sinn für die warmen Momente des Lebens? Für die schönen Kleinigkeiten, die uns widerfahren? Leider viel zu oft: Fehlanzeige.

Da stapfe ich eines Morgens durch den Schnee zur Arbeit, plötzlich hupt ein Bus hinter mir. Ich ignoriere das. Es hupt wieder und wieder. Und noch mal. Lautstark. „Was will der Mistkerl?“ denke ich, leicht angesäuert. „Parkt jemand seine Haltestelle zu? Kann der nicht fahren? Muss der den großen Macker machen?“

Genervt drehe ich mich um und sehe einen heftig gestikulierenden Busfahrer, der auf mich und dann nach hinten auf den Gehweg weist. Da sehe ich es auch – einer meiner Handschuhe liegt ein paar Meter zurück im Rinnstein. Er war aus der Jackentasche gerutscht. Er gehört zu meinem Lieblingspaar! Erleichtert renne ich zurück und stecke ihn ein.

Oh, wie nett ist das! Dankeschön! Ich verbeuge mich lächelnd vor dem Bus. Der Fahrer düst grinsend davon. Eine kleine Geste mit großer Wirkung.

Denn plötzlich merke ich, dass ich immer noch lächle, während ich weiter gehe. Mir fällt mir auf einmal auf, dass die Bürgersteige schneefrei und gestreut sind und ich problemlos laufen kann. Denke daran, wie schnell die Räumfahrzeuge am Wochenbeginn ihre Arbeit getan und das erwartete Chaos verhindert haben. Erinnere mich daran, dass der Bäcker mir vorhin wirklich herzlich einen schönen Tag gewünscht hat. Und meine Nachbarin gestern sagte: „Machen Sie sich doch nicht so viel Arbeit mit dem Flurputzen, das wird durch den Matsch doch sowieso alles sofort wieder dreckig!“ – Unbedeutende Nebensächlichkeiten? Kaum wahrgenommen, schnell wieder vergessen? Selbstverständlichkeiten? Das wäre jammerschade.

Es ist wärmer, als wir denken. Wir müssen es nur spüren wollen. Ich hab mir jedenfalls etwas verspätet fürs neue Jahr vorgenommen, täglich bewusst einen schönen Moment einzufangen. Ich hoffe, es klappt.

Und passend dazu steht auf meinem Tageskalender ein Spruch von Martin Luther King: „Wir müssen miteinander umgehen wie Brüder und Schwestern. Oder wir werden vor die Wand laufen wie Narren.“

In diesem Sinne einen umgänglichen Sonntag!