Alles schon mal dagewesen

Die Briten und vor allem ihre Banken haben die Nase voll von der griechischen Zahlen-Trickserei. Sie schicken Edward Law nach Athen. Der britische Major soll den Hellenen auf den Zahn fühlen und als eine Art „Sparkommissar“ den maroden Haushalt in Ordnung bringen. Der griechische Premierminister begrüßt den Engländer freundlich. Doch damit ist der Premier wohl der einzige Mann in Athen, der positive Worte findet. Alle anderen Griechen – angestachelt von der Presse – wünschen Law eher zum Teufel.

Flugs macht sich der Major an die Arbeit und schreibt nach vier Monaten eine Bewertung der Zustände in Hellas. Seine Analyse ist klar: Viel zu hohe Ausgaben – etwa für Beamte und Armee – und eine unfähige Verwaltung seien für die Finanzkrise verantwortlich, schreibt er. So sei man außerstande, ordentlich die Steuern zu erheben. Kein Wunder also, dass die Griechen massenhaft Kredite bräuchten, die sie kaum zurückzahlen könnten. Ein Fass ohne Boden…

Sein Bericht endet dennoch optimistisch: er glaubt, dass der Staat der Hellenen seine Probleme in den Griff bekommen könne.

Das kennen Sie alles schon? Nö, Sie lasen KEINEN Bericht über die Euro-Krise.

Das war 1892/93, rund 120 Jahre zurück!

Mitte März 1893 ist der Major wieder in London. Hochzufrieden mit seiner Arbeit. Doch dann kommt der Hammer: Acht Monate später erklärt der griechische Premierminister Tricoupis den Staatsbankrott. Edward Law kann es nicht glauben. Genauso wenig wie ganz Europa. Großbritannien, Frankreich, Deutschland… – überall ist man entsetzt. Der Proteststurm hilft nichts. Athen stellt die Kreditzurückzahlungen ein und zieht zu allem Überfluss kurz darauf auch noch in den Krieg gegen das Osmanische Reich (Türkei).

Es kommt, wie es kommen muss: Das Ausland pocht darauf, in Helles mitregieren zu können. Erneut reist Law an, er strukturiert die Staatsschulden um und verordnet eine Rosskur. Daraufhin sehen viele Griechen keine Perspektive mehr im eigenen Land und wandern aus. Beamte und Politiker hingegen kommen mit einem blauen Auge davon. Nicht vergessen: Wir sind immer noch fast 120 Jahre zurück!

Und wie ist die Sache damals ausgegangen? Am Ende hat sich Griechenland von der Pleite halbwegs erholt. Es hat aber viele Jahre gedauert … – viel Geduld war nötig.

Und was ist mit uns kurz vor dem Abgrund stehenden Hagenern? Können wir aus der griechischen Geschichte lernen?

Aber ja: Für dumm verkauft werden wir nicht erst seit Neuestem. Und: Wir fallen offenbar immer und gerne wieder darauf rein.

Tilo