Die beiden Neuen

Die Suche nach dem eigenen Ich ist gar nicht so einfach, wie Tilo in dieser Woche von einer guten Freundin aus der Nachbarstadt erfuhr.

Sie berichtete von einem willkommenen Zuwachs im Schul-Kollegium. Eine „Marie“ habe sich ihnen vorgestellt, die zum neuen Schuljahr ihren Dienst aufnehmen werde. Andere Paukerinnen sprachen von weiterer personeller Verstärkung, denn auch eine „Luise“ sollte den Dötzen das Lesen, Schreiben und Rechnen künftig näher bringen. „Tolle Sache“, dachte sich die Freundin und freute sich auf die zusätzlichen Kolleginnen.

Im Lehrerzimmer waren die beiden Neuen natürlich Gesprächsthema Nummer eins. Schon allein, weil sie sich nach den Beschreibungen sehr ähnlich waren. Bis der Schulleiter die Vorfreude um 50 Prozent kürzte – es werde nur eine neue Lehrerin kommen.

Tja, und wenn Sie, liebe Leser, nun wissen wollen, ob es Marie oder Luise war, dann sei Ihnen verraten: Beide, aber trotzdem nur eine … !

„Marie“ nämlich konnte sich mit ihrem Namen „Marie“ nie so recht anfreunden und war irgendwann auf die Idee gekommen, sich anderen Menschen als „Luise“ vorzustellen – so nämlich lautet Maries zweiter Vorname. Kürzlich aber überlegte sie es sich wieder anders. Sie hieß nun mal „Marie“ und sie wollte ihren richtigen Namen nicht länger verleugnen. Als sie dann aber mit „Marie“ angesprochen wurde, klang ihr das doch wieder so seltsam im Ohr, dass sie auf „Luise“ zurückwechselte.

Und mitten in diese Zeit der Ich-Findung unserer wankelmütigen Fräulein Selterswasser, nennen wir sie fürderhin mal Marie-Luise, fiel die Vorstellungsrunde an der Grundschule.

Alles klar?

Frauen sind nicht wirklich kompliziert, meint Tilo, Frauen sind nur – anders?

Jedenfalls verriet Tilos Freundin, dass ihr Neffe, der in diesen Tagen das Licht der Welt erblicken wird, dermaleinst vor der gleichen Entscheidung stehen dürfte. Mama Nadine nämlich möchte dem Kind auch zwei Namen geben – damit es sich später einen aussuchen kann.

Fazit: „Wer nicht weiß, wie er heisst, wer vergisst, wer er ist, der ist dumm – bumm!“ – nachzulesen übrigens in dem entzückenden Kinderbuch „Das kleine Ich-bin-Ich“ von Mira Lobe und Susi Weigel, das hiermit allen Identitätssuchenden ans Herz gelegt sei.