Ein Lächeln im Tränental

Würden Sie eine magersüchtige Frau bitten, Ihnen ein Schlemmer-Restaurant zu empfehlen? Würden sie zu einem Eheberater gehen, der selber schon drei gescheiterte Ehen hinter sich hat? Würden Sie einen Mann mit Glatze nach einem empfehlenswerten Lockenwickler fragen? Können Sie sich einen schadenfrohen Versicherungsvertreter vorstellen?

Vermutlich nicht.

Tilo konnte sich auch nicht vorstellen, auf einen Pastor zu treffen, der durchgängig lächelnd einen Trauer-Gottesdienst abhält. Gibt es aber. Bei der Beerdigung eines Freundes letzte Woche auf dem Boeler Friedhof hielt Pfarrer Friedbert Fellert von der evangelisch-reformierten Kirche am Bergischen Ring die Andacht.

Da steht also vor den Trauergästen ein gestandenes Mannsbild, der einen Schatten wirft wie eine Telefonzelle, mit mächtigem, grauen Rauschebart. So, oder so ähnlich muss Martin Luther ausgesehen haben, als er sich vor 500 Jahren mit dem Papst anlegte.

Aber das sind Äußerlichkeiten. Unser Pastor tut etwas, was in diesem Land des Leids, wo die Seen und Talsperren bekanntlich mit Tränen gefüllt werden, so selten geworden ist wie ein Einhorn: Er lächelt. Er beginnt zu sprechen, über das Leben, den Tod, über Gott und die Welt, spricht warmherzig die Witwe an – und lächelt dabei! Gibt Lebenshilfe. Zeigt auf, wie viele Tipps und Lebensmut die Bibel bereithält. Und lächelt durch den ganzen Gottesdienst hindurch! Da ist nichts Gekünsteltes, nichts Fassade. Hier ist ein Mensch, ein Seelsorger, der sich vor die Leute stellt und ihnen sagt: Ihr fühlt Euch vom Schicksal getreten, Ihr seid traurig, aber es gibt Auswege, Hoffnung und eine Zukunft. Verkriecht Euch nicht. Nehmt das Geschehene an, alles hat seinen Sinn. Igelt Euch nicht ein, schaut mit Zuversicht nach vorn. Es gibt Menschen, die Euch dabei helfen und mit ihrem Lächeln für Nähe und Wärme sorgen.

Tilo wollte es zunächst nicht glauben, wurde aber schnell von dieser liebens- und erlebenswerten Fröhlichkeit eingefangen, die ganz ehrlich und ungekünstelt daherkommt. Und die eine Intensität hat, eine sowas von Trost und Hoffnung spendende Ausstrahlung, wie es Tilo noch nie erlebt hatte. Fellerts Lächeln drängt sich nicht auf, es dringt ein.

Denn ein Lächeln wirkt auf Sorgen und Schmerz wie ein Sonnenstrahl auf Wolken. Es löst sie auf. Schwierig, so etwas den Lesern herüber zu bringen, die nicht dabei waren. Für Tilo und die andern Trauernden war es der innigste, nachhaltigste und wunderschönste Trauer-Gottesdienst, den sie je erlebten. Unvergesslich.

Und dass der Verstorbene aus der Kirche ausgetreten war und nur noch die Witwe christlich denkt, störte den Herrn Pastor ebenso wenig wie der eigentlich außerhalb seines Wirkungsbereich liegende Boeler Friedhof.

Tilo möchte hier einfach von einem herzensguten Menschen künden und Dankeschön sagen für dieses eindringliche Erlebnis. Also: Dankeschön, Herr Pastor Friedbert Fellert.

Doch, das muss auch mal sein!