Fensterlos

Situationen gibt es, da möchte man sich selbst verbuddeln. So etwas passierte jetzt dem Kollegen Nils. Er genoss in diesen warmen Zeiten die Fahrten mit seinem schicken Flitzer bei geöffneten Fenstern. Ein Gefühl wie im Cabrio. Einfach schön, wenn der laue Fahrtwind durchs Haar strubbelt. Aber dann waren Gewitter angekündigt. Eine längere Fahrt stand an. Da sollten die Fenster lieber geschlossen sein. Das funktioniert ja alles per Knopfdruck. Beifahrerfenster – zu. Fahrerfenster – zu. Das Fenster hinten rechts war sowieso geschlossen. Hinten links – Knopfdruck – nichts. Noch ein Knopfdruck. Und noch einer. Das Fenster bewegt sich nicht. Aussteigen, nachgucken, hinten links noch einmal direkt drücken – nichts. Das Fenster zuckt noch nicht einmal.

Auch das noch. Kollege Nils hat nur ein paar Stunden Zeit. Dann soll‘s losgehen. Aber mit geöffnetem Hinterfenster? Bei Starkwind und Regenböen?

Ein Fachmann muss her. Wegen so einer Lappalie will Nils nicht quer durch die Stadt ins ohnehin durch die Hagelschäden überlastete Autohaus seines Vertrauens fahren. Er versucht‘s um die Ecke. Klein ist die Werkstatt, aber fein. Der Meister drückt aufs Knöpfchen, rüttelt hier, zieht da – und schüttelt den Kopf. Mal eben sei der Schaden nicht zu beheben, lautet die Diagnose. Auseinanderbauen, Originalersatzteile. Das dauert. Ob denn sofort repariert werden solle?

Nils schüttelt den Kopf. Wenn es um Originalersatzteile gehe, könne er gleich ins Autohaus seines Vertrauens fahren. Also doch, quer durch die Stadt. Jede Menge Autos mit Hagelschäden stehen vor der Werkstatt. Dennoch nehmen sich zwei kompetente Herren im Blaumann Zeit für das Fensterproblem. Drücken, ziehen – nichts. „Das müssen wir uns mal genauer anschauen“, heißt es. Ob der Autobesitzer in zwei Stunden wiederkommen könne?

Nils kann. Was bleibt ihm anderes übrig? Er macht sich zwei nervöse Stunden im Café. Denkt an neue Fenster, neue Fensterheber, neue Türen … ein auseinandergebautes Auto. Reise adé. Kreditkarte dabei? Das wird bestimmt teuer.

Nach zwei Stunden steht er wieder in der Werkstatt – und erlebt heitere Fröhlichkeit. Man schaut ihn an, lächelt, schmunzelt unhörbar. Dem Werkstattchef zittert der Blaumann vor Vergnügen. „Ist es sehr schlimm?“, fragt Nils zaghaft. „Oh ja“, lautet die Antwort mit mühsam bitterernster Miene. Nils sieht sein rollendes Schätzchen in Gedanken schon zerlegt in 1.000 Einzelteile.

Plötzlich prusten alle los. „Kindersicherung“, hört Kollege Nils von irgendwo her. Seine verzagte Blässe verwandelt sich in Zehntelsekunden in eine tiefe Röte. „Kindersicherung“, sagt er sich, belegt sich selbst mit wilden Tiernamen und sucht ein Loch im Boden, in dem er versinken kann.

Doch dann siegen Erleichterung und Dankbarkeit. Das Werkstatt-Team bekommt einen fürstlichen Zuschuss für die Kaffeekasse. Und Nils tröstet sich. Er konnte mit seiner eigenen Bräsigkeit in diesen verhagelten, stressigen Werkstattzeiten den Angestellten des Autohauses einen vergnüglichen Nachmittag machen.