Gewürfelte Zensuren

Nächste Woche beginnen in NRW die lang ersehnten Sommerferien. Aber es gibt auch Zeugnisse. Da wird in einigen Familien wieder die Küche qualmen. Und etliche Kinder werden behaupten, die ein oder andere Zensur sei ihnen völlig unerklärlich. Liebe Eltern, das stimmt – manchmal!

Tilo war immer ein sehr wissbegieriger Schüler, aber seine Zeugnisse waren – ehrlich gesagt – auch nicht ständig gut. Zu seinen Penne-Zeiten gab es zum Beispiel einen Naturkundelehrer, der behauptete stets am Ende eines Schulhalbjahres, von jedem Schüler vier Noten gesammelt zu haben. Die las er auch vor. Und daraus „bastelte“ er dann die endgültige Zeugnisnote. Das Spaßige war: wir Kinder konnten uns nie erklären, wie unsere vier Einzelnoten im Laufe eines Halbjahres zustande kamen. Tests gab es nicht („viel zu viel Arbeit“), und manche Klassenkameraden waren monate-, ja mitunter jahrelang nicht ein einziges Mal im Unterricht „befragt“ worden. Noch spaßiger wurde es, wenn wir Studiendirektor S. um die Bekanntgabe der Einzelnoten von Mitschülern baten, die sich längst nicht mehr auf unserer Schule befanden: „Herr S., der Maier ist heute krank – er möchte aber auch seine vier Noten wissen.“ Und prompt – nach kurzem Zögern – las Lehrer S. auch Maiers Noten vor…

Das hört sich nach Comedy an. War es bei Lehrer S. auch. An Schlimmeres erinnert sich Freund Marc. Der hatte während seines Hagener Pennäler-Daseins in Deutsch hauptsächlich zwei Lehrer – im Wechsel. Bei dem einen stand er immer auf „zwei“, bei dem anderen immer auf „vier“. Merkwürdig, oder?

Noch ärger erging es Simone. Sie hatte das Pech, in den wichtigen Klassenstufen 9 und 10 eine Lehrerin zu haben, die erzkonservativ war. Ihrer Meinung nach hatten Kinder aus Arbeiterfamilien nichts auf einem Gymnasium zu suchen. Simone war leider ein Arbeiterkind. Dementsprechend fielen ihre Zensuren in Deutsch aus. Am Ende der 10. Klasse bekam Simone von Frau N. mitgeteilt, sie erhielte noch ein „gnädiges Zeugnis hinterher geworfen“, wenn sie jetzt die Schule verließe…

Simone machte schließlich anderswo ihr Abitur, wo ihre Deutsch-Noten dann umso besser ausfielen.

Das alles ist schon ein paar Jährchen her. Schließlich wollen wir heuer keine aktuellen Pädagogen in die Pfanne hauen.

Und deshalb, liebe Eltern, seien Sie nächste Woche nachsichtig, wenn das Zeugnis enttäuschend ist. Manchmal können die Kinder wirklich nichts dazu…

Tilo