Tilo: Gosch halten

„Normale“ Leserbriefe, verfasst von Verschwörungstheo­retikern, Profilneurotikern, (Toll-)Wutbürgern oder Rumpelstilzchen aller Arten, flattern nur noch selten ins Haus. Meist tummelt sich diese seltsame Spezies eher – natürlich anonym – in den Kommentarspalten der Online-Zeitungsausgaben. Oder auf Facebook und Twitter.
Hier hat sich auch schon manch‘ Prominenter oder Politiker um Kopf und Kragen gezwitschert. Wie war das noch gleich mit dem alternden Bayern-Kicker Franck Ribery? Erst zeigte er sich auf „Social Media“ stolz „wie Oskar“ mit einem blattgoldüberzogenen Riesen-Steak, um dann alle Kritiker auf Twitter übelst zu beschimpfen. Sicher, er hatte sich zwischenzeitlich einen Shitstorm größeren Ausmaßes anhören müssen, aber warum ist er denn auch so blöd, seine dekadente Fresslust aller Welt zu offenbaren? Nun hat ihn Bayern München für seine Tiraden mit einer Strafe belegt – wie hoch sie ausfällt, weiß Tilo nicht. Wahrscheinlich muss er jetzt seine gesamte Mannschaft zu einem Grillabend mit Golden Toasts einladen.
Sei‘s drum, Tilo hat sowieso noch nie verstanden, warum es Millionen von Menschen gibt, die auf Facebook & Co. ihr Leben vor aller Öffentlichkeit ausbreiten, zumal man ja auch nicht vor Datenklau und -handel gefeit ist. Robert Habeck, dem Vorsitzenden der Grünen, jedenfalls reicht es jetzt, er hat verkündet, sich von Twitter und Facebook abzumelden. Ein wahrscheinlich weiser Entschluss.
Sich von Twitter weit entfernt zu halten, hätte auch Uli Alda gut getan. Der bisherige FDP-Kreisvorsitzende hat zwar in den vergangenen Monaten keine politischen Visionen für Hagen entwickelt, dafür aber umso mehr Zeit für unsägliches „Gezwitscher“ erübrigt.
Die Hagener FDP regiert an der Volme seit der letzten Kommunalwahl relativ geräuschlos zusammen mit CDU, Grünen, dem parteilosen OB Erik O. Schulz und manchmal auch mit „Hagen Aktiv“. Ein besonderes Profil zeigen die Hagener Freidemokraten dabei momentan eher selten.
Eigentlich wäre es der Job von Alda gewesen, ein solches Profil zu entwickeln. Doch Alda glaubte wohl, stattdessen den diversen AfD-Twitterern nacheifern zu müssen. Jedenfalls hat er Schimpfkanonaden vom Stapel gelassen, die „tief unten“ waren. Bevorzugtes Objekt seiner Tiraden: die Grünen, also der örtliche Koalitionsspartner. Unmittelbar vor Weihnachten musste die Hagener FDP deshalb die Reißleine ziehen und Alda den Rücktritt unter den Christbaum legen. Jetzt ist das eher rechtsnational statt liberal wirkende Rumpelstilzchen aus Westerbauer nur noch ein klitzekleines Stück Hagener Geschichte.
Was pflegten die alten Lateiner in solchen Fällen zu sagen? „Si tacuisses, philosophus mansisses.“ Auf Schwäbisch: „Wenn de dei Gosch g’halde heddsch, no hedd koi Sau gmergt, daß’d bled bisch.“ Also Rumpelstilzchen aller Arten: Lieber mal die „Gosch“ halten. Ist besser. Tilo