Held der Herzen

Bilder von Helden sind grimmig. Die US-Filmstudios lassen sie über den Erdball schwappen. Da metzeln muskel- und waffenbepackte Rambos alles nieder, was nicht schnell genug zur Seite hüpft. Natürlich immer zum Wohle der Freiheit. Die USA erlauben jedem Bürger, Waffen zu besitzen. So kann sich dort jeder Mensch mit Blick auf das häusliche Kriegsarsenal in seine Rambo-Phantasien hineinträumen.

Viele frei zugängliche Waffen bedeuten ein hohes Risiko. In Newtown (Conneticut) tötete ein 20-jähriger Mann 27 Menschen – Schüler und Lehrer einer Grundschule. Das war im Dezember. Barack Obamas forderte, das Waffengesetz zu verschärfen. Sturmgewehre sollten verboten und Waffenkäufe stärker kontrolliert werden. Währenddessen stürmen die US-Amerikaner die Waffenläden. Hamsterkäufe. Ansonsten nichts Neues: In der vergangenen Woche erschoss ein 15-Jähriger in New Mexico fünf Menschen, davon drei Kinder. Vor wenigen Tagen wurde in einer New Yorker Schule ein siebenjähriger Knirps mit Pistole und Munition erwischt. Es ist schon ein verzerrtes Bild von Freiheit und Heldentum.

Dabei können Helden ganz anders daherkommen. So wie Gustav Schmidt, geboren in Hagen-Boele und aufgewachsen in -Eckesey. Auch er trug eine Waffe. Es war Krieg. Der Erste Weltkrieg. Am Tag nach seinem 21. Geburtstag tat Gustav Schmidt etwas, was heutzutage in Actionfilmen herausgeschnitten würde: Er schoss NICHT.

Gustav Schmidt lag im Schützengraben, im eiskalten Schlamm. „Die Franzosen schossen Trommelfeuer“, schrieb Hans-Peter Jaraczewski einst im Hagener Heimatkalender. Granaten explodierten um den jungen Hagener Gefreiten herum. „Gegen vier Uhr morgens nimmt Gefreiter Schmidt plötzlich Lärm beim Munitionsstapel wahr“, hat Jaraczewski weiter recherchiert. Er schreit die deutsche Parole in die Nacht. Als Antwort kommt allerdings nur eine Frage: „Parlez vous francais?“ (Sprechen Sie französisch?)

Der Feind, schlimmer: der Erzfeind – so nah. Doch anstatt abzudrücken, holt Gustav Schmidt Hilfe. Er versorgt den schwer verwundeten französischen Hauptmann und dessen 14 erschöpfte Getreue. Als der Hauptmann vom Geburtstag des jungen Hagener Gefreiten erfährt, spendiert er einen Schnaps aus seiner Feldflasche.

Es war ein Moment der Menschlichkeit im grausamen Kriegsgeschehen. Der Franzose vergaß das selbstlose Handeln des jungen Mannes nie.

Auf den Ersten folgte der Zweite Weltkrieg. In den 60er Jahren schließlich suchte jener Franzose „den Mann, der mich rettete, wunderbar pflegte und einer Familie den Vater wiedergab“. Es war Charles de Gaulle – aus dem schwer verwundeten Hauptmann war der französische Präsident geworden. Zum 50. Jahrestag bekommt der Hagener Junge, der nun in Herdecke lebt, als einziger Deutscher eine persönliche Einladung des Staatspräsidenten. Gustav Schmidt wird gefeiert.

Die beiden Männer sind im Schrecken des Krieges zwar keine Freunde geworden. Doch sie haben den Grundstein zu etwas noch Größerem gelegt: Am 22. Januar 1963 unterzeichnen Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer den Elysée-Vertrag und legen damit den Grundstein der deutsch-französischen Freundschaft. Wäre es zu dieser segensreichen Annäherung gekommen, wenn der junge Gefreite aus Hagen damals geschossen hätte?

Gustav Schmidt ist kein grimmiger Held, sondern einer der Herzen. Einer, den man auch den Vereinigten Staaten von Amerika wünschen möchte. Wer weiß, zu welchen Freundschaftsverträgen dieses Land fähig wäre, wenn nicht immer gleich scharf geschossen würde.