Tilo: Kehrseiten

Der Lorenz knallt erbarmungslos. Tilo findet’s einerseits gut, weil ihm Hitze deutlich mehr Spaß macht als Schnee. Anderseits kommt diese Glutwelle auch verdammt bedrohlich daher.
Sei’s drum, jedenfalls haben die Tiefs und Hochs der vergangenen Wochen so manchen Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Unter den Verlierern sind beispielsweise die „normalen Landwirte“ – die klagen ja eigentlich jedes Jahr, aber diesmal ist ihre „Klagemauer“ so hoch wie selten. So bejammern sie Ernteausfälle bis zu 70 Prozent und fordern jetzt „Nothilfen“ von uns Steuerzahlern. Besonders vehement wird die staatliche Unterstützung in den östlichen Bundesländern verlangt.
Die von der Sonne verursachte „Mager-Ernte“ könnte übrigens erhebliche Folgen für uns Konsumenten haben – es wird wohl an „dicken Kartoffeln aus deutschen Landen“ mangeln. Das wiederum hätte erhebliche Auswirkungen – etwa auf die Pommespreise.
Weinliebhaber dürfen frohlocken. Schon in Kürze wird der erste Federweißer in den Läden stehen. Denn die Weinlese wurde in Deutschland noch nie so früh gestartet wie in diesem Jahr. Und allem Anschein nach wird es einen guten Jahrgang geben.
Apropos Getränke. Unter den Gewinnern des Sommers sind natürlich ebenfalls Biergartenbetreiber, Bierbrauer, Sprudelproduzenten und alle, die irgendwie mit dem Trinken zu tun haben. Hatten die Brauereien schon ein mieses Jahr befürchtet, weil Jogi Löws Edel-Kicker in Russland erst „irrlichterten“ und dann ruhmlos untertauchten, können sie jetzt aufatmen – die Hitze beschert ihnen ordentliche Verkaufszahlen. Zwischenzeitlich war die Nachfrage schon so groß, dass nicht einmal mehr genügend leere Kästen zum weiteren schnellen Beliefern bereitstanden. Frohlocken können ebenso alle, die im deutschen Tourismus, in Eisgeschäften, in Freibädern, in der Kältetechnik oder in der Hutproduktion beschäftigt sind.
Die Kehrseite des „Glutofens“ zeigt sich aber nicht nur bei den Landwirten, sondern noch mehr auf unseren Straßen. Die Zahl sogenannter „Trunkenheitsfahrten“ und die Menge an alkoholbedingen Gewalttaten scheint in den vergangenen Wochen deutlich angestiegen zu sein. Da war wohl so manchem Bundesbürger die Hitze arg zu Kopfe gestiegen.
Dazu passt auch der Fall eines Hageners, der seinen Durst in einem Altenhagener Supermarkt auf ganz besondere Weise zu löschen versuchte: Er klaute eine Flasche Wodka, leerte sie mal eben „auf ex“ und legte sich dann vor den Laden, um seinen Rausch auszuschlafen.
Auf der Strecke bleibt aber seit Wochen auch das, was die Italiener mit „bella figura“ verbinden; gemeint ist der Auftritt in der Öffentlichkeit in ordentlicher Sommer-Kleidung.
Welche Teile des menschlichen Körpers einem stattdessen da derzeit in Hagens Fußgängerzone zugemutet werden, puh… – da denken offenbar manche, der nächste Adipositas-Beach-­Club ist gleich um die Ecke. Dazu kommt, dass viele Damen und Herren dieser Spezies gerne besonders hässliche Tattoos zur Schau tragen. Da fragt sich der Chronist, ob auch das zur heutigen, in der letzten Zeit wieder vielbeschworenen deutschen Leitkultur gehört.
Aber das ist wahrscheinlich ein anderes Thema.

Tilo