Mauern und Mühlen

Jeder weiß es: Viele Städte Nordrhein-Westfalens sind pleite. Etwa Duisburg, Oberhausen, Gelsenkirchen, Witten und Hagen. An der Volme wird jedes Jahr ein frisches, neues, zusätzliches Minus von weit über 100 Millionen Euro „produziert“. Jedes Wirtschafts-Unternehmen wäre mit einer solchen Horror-Bilanz schon dreimal pleite.

Gewiss, es gab Bemühungen, die Einnahmen zu erhöhen und die Ausgaben zu kürzen. Wir erinnern uns an den Sparkommissar Stefan Bajohr. Er startete voller Lust und endete voller Frust. Die Hagener (Politiker) wollen gar nicht sparen, war sein Eindruck. Ihm folgte eine ganze Sparkommission. Sie schnürte immerhin ein 90-Millionen-Euro-Paket. Dieses Bündel an Grausamkeiten wurde vom neuen Oberbürgermeister Jörg Dehm geprüft und überarbeitet. Jetzt soll es den Bürgern vorgestellt werden.

Von Auge zu Auge. Dazu lädt der OB zu insgesamt fünf Bürgerversammlungen in den Hagener Stadtteilen ein. Los geht es am Dienstag, 21. September, im Ratssaal des früheren Rathauses Hohenlimburg, 19 Uhr.

Bei diesen Bürgerversammlungen wird Jörg Dehm die dramatische Haushaltslage der Stadt erläutern und die geplanten Maßnahmen und deren Folgen aufzeigen. Und er wird die Fragen und die Prügel der Bürger einstecken. Anders gesagt: er muss eine Suppe auslöffeln, die andere ihm eingebrockt haben. Das ist unbefriedigend, aber unumgänglich. Da steht eigentlich der Falsche am Pranger und sammelt freiwillig die Watschen ein. Hut ab!

Aber ob große oder kleine Wut, Hagen wird zukünftig eine andere Stadt sein – mit wesentlich weniger Kultureinrichtungen, Kindergärten, Spielplätzen, Schulen …

Dabei reden wir „nur“ über 90 Millionen Euro. Einzusparen sind aber weit über hundert Millionen. Weitere Einschnitte, weitere Grausamkeiten warten also noch vor der Tür.

Genauso haben es viele Leute seit vielen Jahren kommen sehen. Es hat an Warnungen, auch in dieser Stelle, nicht gefehlt. Egal, zu spät. Jetzt heißt es den Helm festzurren, wenn das Unwetter naht.

Die Chinesen haben einen passenden Spruch dafür: „Wenn der Sturm kommt, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen“. Jeder Wandel, wollen die Chinesen damit sagen, bringt nicht nur Ärger und Probleme, sondern auch Chancen.

Die Mauerbauer und die Wir-schon-immer-gewusst-Haber bringen uns jetzt nicht mehr weiter. Der Weg vor uns ist zu schwierig, um zurückzuschauen. Jetzt kommt die Zeit der Windmüller, der Das-Beste-aus-dieser-beschissenen-Situation-Macher. Der Oberbürgermeister scheint von diesem Kaliber zu sein.

Nur solche Typen können noch verhindern, dass Hagen zum sauerländischen Western-Dorf Laramie verkommt, wo der letzte Bewohner beim Verlassen der Stadt vergessen hatte, die im Wind knarrende Saloon-Tür zu schließen…

Tilo