Mies gelaunt

Nun, liebe Leser, haben Sie Ihren „Nucleus suprachiasmaticus“ wieder im Griff? Wie, den kennen Sie nicht? Das ist eine kleine Region in unserem Hirn, die derzeit für Aufregung sorgt – denn genau dieser Teil steuert unsere „innere Uhr“.

Wenn es stimmt, was wir überall hören und lesen konnten, dann war die innere Uhr – und somit der „Nucleus suprachiasmaticus“ – jetzt drei Tage lang von der Rolle. Wegen der Zeitumstellung in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Angeblich gibt es in den Tagen nach den Zeitumstellungen mehr Herzinfarkte und Verkehrsunfälle. Wegen eines veränderten Stoffwechsels und einer erschlafften Gehirntätigkeit.

Ach, unser armes Hirn leidet auch schon in den Tagen zuvor. Denn da werden wir überschwemmt – mit den Ergebnissen von Umfragen und Untersuchungen. Seit mindestens 25 Jahren stets die gleiche Litanei, Tendenz anschwellend: Oje, oweh, ojemine – wir haben längst keine Lust mehr auf die nervigen Zeitumstellungen. Zweitens behaupten die meisten Umfragen, die Deutschen würden massiv unter der einstündigen Verschiebung leiden. Und drittens: auch alle unsere Haus- und Nutztiere bekämen durch das „Hin und her“ einen Koller. Sogar die Kühe geben weniger Milch.

Wer keine Probleme hat, der macht sich welche. Deutschland, das Land in dem die Seen mit Tränen gefüllt sind! Am besten, wir gehen alle vors Gericht – na klar, bis zum Bundestagsverfassungsgericht. Steht diese Umstellung überhaupt mit dem Grundgesetz im Einklang? Wenn die Verfassungsrichter nicht mitspielen, bleiben uns ja noch die UNO und der Europäische Gerichtshof für Menschrechte. Und weil es bis dahin ein langer Weg ist, könnten wir doch zumindest neue Jobs schaffen: Wir stellen überall ZeitumstellungsbenachteiligungsbeauftragtInnen ein.

Die können uns alle Jahre wieder erklären, warum der „Nucleus“ Ende März und Ende Oktober spinnt und wir deshalb dann drei Tage lang mies gelaunt sind.

Übrigens: Ärzte empfehlen (das schrieb jedenfalls die Bild), drei Tage lang weniger zu essen. Tilo hat‘s versucht. Mit zweifelhaftem Ergebnis: Er war wirklich schlecht gelaunt …

Vielleicht hilft uns eine andere Medizin viel besser weiter: Wir hören einfach auf, über das lächerliche Stündchen zu reden.