Nur ein Rat

Gutachten schreiben und Gutachter sein kann jeder. Die Bezeichnung ist in Deutschland nicht geschützt und kann grundsätzlich von jedermann verwendet werden.

Insbesondere Behörden holen gerne Gutachter ins Boot, wenn sie sich nicht trauen, eine richtige Entscheidung selber zu vertreten. Auch Hagen ist Gutachter-Wunderland. Ob es um Straßenplanungen, Veränderungen im Theaterbereich, Bebauungspläne, Klimaplanungen für ein neues Museum oder um Sparmaßnahmen geht, im Rathaus haben bei wichtigen Entscheidungen fast immer Gutachter mit am Tisch gesessen. Tilo denkt mit Schrecken an die unsägliche, jahrzehntelange Planung des Bahnhofsvorplatzes zurück. Die Unzahl der Gutachten dafür war fast so teuer wie die Baukosten selber. Und manches gelehrige Schriftstück enthält eh nur eine Zusammenfassung des gesunden Menschenverstands normaler Bürger.

Derzeit sorgt wieder ein Gutachter – ein Bildungsexperte aus Bonn – für reichlich Gewedel. Der Mann hat sich mit der heimischen Schullandschaft beschäftigt und in einem dicken Schriftstück seine Empfehlungen vom Stapel gelassen. Wohlgemerkt: Empfehlungen! Nicht mehr und nicht weniger.

Er schlägt zum Beispiel vor, einige Schulen dicht zu machen und die verbleibenden Haupt- und Realschulen zu fünf oder sechs Sekundarschulen zusammenzuschließen. Eine Realschul-Alternative soll demnach nicht mehr existieren (was rechtlich wahrscheinlich gar nicht zulässig ist). Käme es so, wären wir wieder da, wo wir schon einmal waren: bei der Volksschule. Sie hätte künftig nur einen hochtrabenderen Namen.

Außerdem sollen zahlreiche Kindertagesstätten die Räumlichkeiten von Grundschulen mitnutzen. Sämtliche Grundschulen sollen Ganztagsschulen werden – ob das die Eltern wollen oder nicht.

Manches hört sich vernünftig an. Vieles ist aber eh bekannt: Die Schülerzahl sinkt rapide, Veränderungen in der Schullandschaft sind unausweichlich. Doch wenn das ein (teurer) Gutachter sagt, hat diese Tatsache natürlich doppeltes Gewicht.

Das schlaue Papier macht nun die Runde. Gegenüber den Eltern wird der Eindruck erweckt, als enthalte es das „absolute Evangelium“ und werde unverzüglich umgesetzt. Dem ist nicht so: Die Aussage des Gutachters ist ein Rat, ein Vorschlag. Ob ihm letztlich gefolgt wird, kann dem Mann wurscht sein.

Im Rathaus wird jetzt erst einmal – rhabarber, rhabarber, rhabarber – ein Arbeitskreis eingerichtet. Der macht aus der Empfehlung des Gutachters eine neue Empfehlung. Und die wiederum wird dann dem Rat der Stadt Hagen und seinen Ausschüssen vorgelegt. Hier muss dann entschieden werden. Bis dahin fließt nicht nur viel Wasser die Volme hinab, sondern es können auch totgesagte Parteien aus der Deckung kommen. Etwa die FDP. Die strebt sogar einen Bürgerentscheid an.

Diese Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie der Gutachter gekocht hat. Aber am Ende wird die ein oder andere Schule über die Volme gehen, so viel ist heute schon sicher…

Wie viel besser wäre es, würde man die gesamte Energie für dieses sowieso unausweichliche Schrumpf-Projekt verwenden für eine Verbesserung der Ausbildung und der schulischen Abläufe! Aber für dieses heiße Eisen bräuchten wir natürlich zunächst erst mal wieder ein, besser: mehrere gründliche Gutachten!

Tilo