Olympia – ohne Tonnenspringen

Seit Samstag heißt es wieder „höher, schneller, weiter“. Noch bis zum 12. August wird die 30. Olympiade in London viele Sportfans weltweit in Atem halten. Doch Tilo winkt ab – für ihn ist Olympia nicht mehr das, was es mal war.

1908 fanden die Spiele schon mal in der britischen Hauptstadt statt. Eine stolze Veranstaltung: vom 27. April bis zum 31. Oktober 2012 maßen sich die Athleten in 110 Wettbewerben. Heute ist Olympia auf lächerliche zweieinhalb Wochen eingedampft.

Auch die Sportarten waren irgendwie zünftiger. Zum Tauziehen etwa traten fünf Mannschaften an und lieferten sich heiße Duelle. Gleich drei Teams bestanden aus britischen Polizisten. Beim USA-Team waren Kugelstoß-Olympiasieger Ralph Rose und Hammerwurf-Champion John Flanagan dabei. Ihre Hoffnungen auf den Sieg erfüllten sich jedoch nicht, denn die Engländer – very tricky – traten in Nägel-Schuhen an, was den „Bobbies“ die rechte Standfestigkeit verlieh. Da halfen alle Proteste nix – die Jury, praktischerweise nur aus Briten bestehend, argumentierte, dass diese Schuhe zur üblichen Dienstbekleidung gehörten und wies den Protest ab. So zogen sich die Amis beleidigt zurück, und die Londoner Ordnungshüter holten sich „Gold“.

Auch in anderen, mittlerweile eher harmlosen Disziplinen, ging es seinerzeit recht ruppig zu: Im Finale des 400-Meter-Laufs drängelte der US-Amerikaner John Carpenter auf der Zielgeraden den Briten Wyndham Halswelle von der Bahn. Das war nach amerikanischen Regeln durchaus erlaubt, nach britischen Regeln jedoch verboten. Carpenter wurde disqualifiziert. Das Finale wurde wiederholt, und diesem Zwischenfall verdanken wir die heute üblichen Laufbahnmarkierungen, die für die Neuansetzung erstmals aufgebracht wurden. Nie waren sie allerdings überflüssiger als bei ihrem Debüt: Weil die verbliebenen beiden Konkurrenten Halswelles, die Amis William Robbins und John Taylor, aus Solidarität mit Carpenter auf den Start verzichteten, konnte der Engländer den Endlauf gemütlich angehen – niemand machte ihm seinen Sieg streitig.

Andere Disziplinen fielen leider schon 1908 dem Modernisierungswahn zum Opfer. Das Tonnenspringen etwa, 1904 in St. Louis noch ein Knaller, fehlte 1908 ebenso auf dem Wettkampfzettel wie das Sackhüpfen, das die Sportsfreunde vier Jahre zuvor bei den so genannten „Westernspielen“ ebenfalls in Verzückung versetzt hatte. 1906, bei den „Zwischenspielen“ in Athen, hatte man sich noch sportlich mit der Pistole duelliert. Freilich schoss man nicht auf seinen Lieblingsfeind gegenüber, sondern auf menschenähnlich gekleidete Schaufensterpuppen mit Zielscheiben auf der Brust. Weniger glimpflich ging’s im Jahr 1900 beim Taubenschießen auf der Olympiade in Paris zu – da wurde tatsächlich auf echte Vögel geballert. Hunderte der Tiere wurden freigelassen und zum Abschuss freigegeben. Heute undenkbar.

Sag ich doch: Olympia ist längst nicht mehr das, was es mal war. Doch es gibt Hoffnung: Ein Komitee zur Wiedereinführung des Tonnenspringens als olympische Disziplin kämpft unermüdlich für sein Ziel und verdient unser aller Unterstützung. Es besteht aus den Vereinen „Tonnenspringer Villingen“ und „Tonnenspringen Freunde Stuttgart“ sowie dem „Dachverband Deutscher Tonnenspringer“ mit Sitz in Pforzheim. Deutschlands Obersänger Gotthilf Fischer hat sich als Ehrenmitglied des Komitees in den Dienst der ehrenwerten Sache gestellt.

Beste Aussichten also dafür, dass es schon 2016 in Rio de Janeiro nicht mehr so fad zugeht wie bis Mitte August auf der britischen Insel…