Schnee von gestern

„Am siebten Tage soll‘s Du ruh‘n,“ sagt die Bibel. Aber wer hört noch auf die Bibel? Das tun heute nicht einmal mehr alle christlichen Politiker…

Am siebten Tage ruh‘n? Schön wär‘s. Für Hunderttausende in NRW sieht die Wirklichkeit anders aus. Ob Tankwart, Museumsmitarbeiter, Arbeitskräfte in Callcentern, Serviererinnen in Cafés und Restaurants oder Stahlarbeiter, ob Journalisten, Krankenpfleger, Polizisten oder Feuerwehrleute… – für ganz viele Menschen ist Sonntags-Arbeit normal. Eine Gruppe indes war lange Zeit „fein raus“: der Handel.

Tilo erinnert sich mit Schaudern – noch gar nicht so lange her: Nicht einmal beim Bäcker „um die Ecke“ konnte man sonntags frische Frühstücksbrötchen kaufen. Lediglich am Hauptbahnhof gab es einen Laden, der am Sonntag das leckere Backwerk verkaufte – unter der Überschrift „Reisebedarf“. Die Warteschlangen waren länger als sieben Güterzüge

Das sonntägliche Brötchenverkaufsverbot war anno dunnemals nicht die einzige Spinnertheit im Lande. Ähnlich Banane: die Ladenöffnungs-Regelungen am Samstag. Normalerweise schlossen die Läden um 14 Uhr. Nur einmal im Monat durfte länger geöffnet werden – am langen Samstag.

Welch ein Segen, als endlich diese alten Zöpfe fielen. Seit 2006 können die Läden – abgesehen von Sonn- und Feiertagen – nahezu rund um die Uhr öffnen. Was allerdings kaum vorkommt. In der Hagener Innenstadt beispielsweise sind vom Montag bis Samstag eher Öffnungszeiten zwischen 10 und 20 Uhr angesagt. Viele Läden schließen sogar früher. Und vom „freien Einkauf“ an allen sieben Tagen – wie in anderen Ländern – sind wir weit entfernt. Nur gelegentlich darf sonntags geöffnet werden, etwa zur Kirmes in Haspe.

„Shopping ohne Grenzen“ gab es folglich in NRW noch nie. Dennoch denkt die NRW-Landesregierung darüber nach, die geltenden Vorschriften wieder einzuschränken. – Sonst nichts Wichtiges zu tun, Landesregierung? Langeweile? Wichtigtuerei? Einfach Lust am Seifenblasen? Laune auf noch mehr Bürokratie? Anfall von Regelungswut? Mit Wonne zurück in die „gute alte Zeit?“ Neuentdeckte Tiefgläubigkeit?

Unterstützt von den beiden großen christlichen Kirchen und natürlich vom DGB „wird eine Überprüfung der aktuellen Situation für notwendig gehalten“, rumpeldipumpel, schnarch, schnarch. Jawoll! Kurbel-Telefon statt Handy! Für Jochen Marquardt, dem Hagener DGB-Vorsitzenden, steht insbesondere die „Sonntagsarbeit im Handelsbereich zur dringenden Überprüfung an“.

Recht so, Herr Marquardt!

Aber dann bitte alle Arbeitnehmer gleich behandeln – keine Brötchen mehr am Sonntag, kein Kaffee mehr im Café am Sonntag, kein Benzin mehr am Sonntag, keine Nachrichtensendung mehr am Sonntag und kein Museumsbesuch mehr am Sonntag! Unsere Stadt so lebhaft wie ein mexikanischer Bahnhofsvorplatz im Sommer zur Mittagszeit.

Alsdann: Viel Spaß bei der Rolle rückwärts in den Schnee von gestern!

Tilo