Sonnige Nachbarn

Ein dreifach Hoch auf gute Nachbarschaft! Man kennt sich, man hilft sich, man mag sich, man entwickelt seine Fähigkeiten in der Spionage weiter … Spionage? Richtig! Ist doch oberspannend, was der Nachbar so treibt.

Da wird durch den Türspion geschaut, sobald im gemeinsamen Hausflur ein Geräusch zu hören ist. Im Wäschekeller finden wir heraus, ob der nette Mann von nebenan ein paar Pfund zugelegt hat. Wichtig ist auch, wie die neue Mieterin im Erdgeschoss eingerichtet ist – oder ob überhaupt schon ein Möbelstück steht. Da wird heimlich ums Haus geschlichen, um echt lebensnotwendige Erkenntnisse zu gewinnen.

Auch die Putzgewohnheiten der Mitbewohner wollen beobachtet sein. Beliebt ist Laub unter der Fußmatte, als Kontrolle dafür, ob der Nachbar auch gründlich schrubbt. Auf frischer Tat ertappt wird der Spion natürlich alles abstreiten – und neue Aktionen planen. Nachbarschaft 2010: Sie seifen die Treppenstufen ein, vergiften des Nachbars Katze, graben seinen Bäumen die Wurzeln ab, fühlen sich von seinem Gartenzwerg belästigt, fechten um Standorte und Öffnungszeiten der Mülltonnen – fast eine halbe Million Nachbarschaftsprozesse sind derzeit vor Gerichten anhängig. Nur zwanzig Prozent der Deutschen hegen nach einer Umfrage positive, sechzig Prozent aber schlechte Gefühle für ihre Nachbarn.

Dieser Ärger muss abgebaut werden, am besten unbeobachtet. Da wird liebevoll Nachbars Auto dekoriert. Künstlerische Muster aus nassem Laub pappen an der Windschutzscheibe. Selbstgemalte Strafzettel warten unter dem Scheibenwischer. Und auch an den kleinen Hunger zwischendurch denkt der aufmerksame Nachbar: An der Antenne baumelt, eingepackt in Alufolie, das Pausenbrot vom Vortag.

Ist das der Preis für unsere moderne Zivilisation? Schade eigentlich! Einer, der seinen Nachbarn hasst, entdeckt sogar in der Sonne Fehler, sagt man in Polen. Wer kann schon im Ärger ein sonniges Leben führen?

Tilo