Tilo: Brillenblick

Kollege M. hat mal in „grauer Vorzeit“ Geschichte studiert. Das führt dazu, dass er in Diskussionen gerne die „his­torische Brille“ auspackt. Zu seiner Überzeugung gehört, dass man viele heutige politische Geschehnisse nur dann verstehen kann, wenn man die (zeit)geschichtlichen Hintergründe beleuchtet. Natürlich hat er Recht.

Als beispielsweise Bundespräsident Steinmeier unlängst in Griechenland weilte, wurde er weniger mit Hellas‘ aktuellen Geldproblemen konfrontiert, sondern mehr mit Massakern, die Nazi-Verbände – SS und Wehrmacht – in den 1940er Jahren verübt haben. Das grauenvolle Wirken jener Zeit – das manche Griechen mit IS-Taten vergleichen – ist zwischen Korfu und Kreta keinesfalls verblasst. Es könnte sogar gut sein, dass Griechenland versuchen will, Schadenersatz­ansprüche in Milliardenhöhe geltend zu machen. Sollten die Hellenen damit erfolgreich sein, folgen ihnen sicherlich andere Nationen – mit dem Ergebnis, dass es noch für unsere Kinder teuer werden könnte.

Auch im Zusammenhang mit dem Pulverfass „Naher Osten“ ist die historische Brille überaus nützlich. So sind viele Entwicklungen in dieser Region ein Ergebnis der deutsch-europäisch-amerikanischen Politik früherer Jahrzehnte. Zwei Stichworte sollen genügen: Der Staat Israel ist genauso ein „Folge-Produkt“ wie auch das merkwürdige Staaten-Sammelsurium – Syrien, Irak etc. – auf dem Boden des früheren, im Ersten Weltkrieg mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches. Apropos Irak und Syrien. Wir nehmen unsere Brille und schauen auf das Jahr 2015 – als sich Hunderttausende auf den Weg nach Zentraleuropa machten. Die meisten Flüchtlinge kamen aus türkischen Lagern.

Wenn heute der Kanzlerin vorgehalten wird, Angela Merkel habe damals Deutschlands Grenzen geöffnet, so ist diese Aussage lediglich eine „AfD-Erfindung“. Sie konnte die Grenzen gar nicht öffnen, weil sie längst offen waren – wegen des ansonsten von uns allen sehr geschätzten Schengen-Abkommens, das uns die Reisefreiheit in großen Teilen Europas beschert hat.

Um zu verstehen, was 2015 geschah, ist abermals die „his­torische Brille“ vonnöten. Mit ihr sehen wir schnell das eigentliche Versagen der Europäer. Bekanntlich wurden die Kriege in Syrien und im Irak damals immer grausamer geführt, was zu einer enormen Hoffnungslosigkeit führte. Auch die immer problematischer werdende türkische Politik wirkte sich nachteilig auf die Psyche aus.

In diese eh schon heikle Lage hinein platzte dann auch noch die Nachricht, dass der Westen und dadurch auch die UNO die Versorgung mit Lebensmitteln einschränken werde. Was übrigens keine Fake News waren, sondern reale Nachrichten.

Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR meldete 2015, man werde bald nur noch 40 Prozent dessen zur Verfügung haben, was man eigentlich dringend benötige. Damit war eine Hungersnot in den Lagern vorprogrammiert. Und da nun bekanntlich niemand gerne am Hungertod stirbt, machte man sich auf den Weg gen Norden.

Unter diesen Vorzeichen wäre jeder von uns mitgegangen.

Komisch, dass dieser Aspekt völlig in Vergessenheit geraten ist. Tilo