Tilo: Eine Schande

Mit blankem Hass haben es auch Menschen zu tun, bei denen es Tilo eigentlich nicht erwartet hätte und wo es besonders unverständlich und sogar unmenschlich ist. Wir sprechen hier von Menschen mit Behinderungen. Tilo kann sich an Esther, eine gute, alte Bekannte, erinnern, die einst kaum noch laufen konnte und deshalb von der Stadt Hagen einen Behindertenparkplatz erlaubt bekam. Das war mitten in Wehringhausen. Junge, was haben die Nachbarn ihr dieses besondere Plätzchen geneidet. Dass sie an Krücken ging, ließ den Volkszorn kalt. Der wollte nur den Vorteil sehen – und, klar, schnell wurde gegeifert, dass sie sich den Platz erschlichen habe.

Ähnlich geht es momentan auch in einer kleinen Hohenlimburger Straße zu. Dort wohnt ein dreijähriger Junge, der schwer krank ist. Die Stadt hat ihm beziehungsweise seiner Familie einen Behindertenparkplatz direkt vor der Haustür genehmigt – was die Nachbarn unentwegt auf den Plan ruft (der Wk berichtete). In zwischenzeitlich bei uns angekommenen Mails wird der Volkszorn vor allem auf die Mutter umgelenkt – sie sei zu korpulent, sei Raucherin, feiere zu oft und spräche zu viel Polnisch, hieß es. Seltsame Begründungen dafür, dass hier einem unheilbar erkrankten Kleinkind das eh schon schwere Leben noch schwerer gemacht wird.

Dagmar (Name von der Redaktion geändert), selbst gehandicapt, wundert all‘ dies nicht. Sie schrieb am Sonntag: „Ich möchte, dass Sie verstehen, dass jeder Mensch mit Behinderung mit Neid und Missgunst zu kämpfen hat. Verstehen Sie mich nicht falsch, niemand beneidet uns um unser Schicksal – aber gönnen wollen die anderen Menschen uns auch nichts. Ich bin selbst oberschenkelamputiert und musste schon viele Anfeindungen über mich ergehen lassen. Vor allem, wenn ich auf einem Behinderten-Parkplatz geparkt habe. Ich wurde beschimpft und bezichtigt, die Krankenkasse betrogen oder den Behinderten-Ausweis meiner Großmutter gestohlen zu haben. Meinem Mann wurden Schläge angedroht, einige verfolgten uns sogar bis in Geschäfte hinein und ließen weitere Schimpftiraden los – nur, weil man meine Behinderung nicht auf den ersten Blick sehen kann.“

Dagmars Fazit: „Leider ist das höfliche Miteinander in der heutigen Zeit mehr und mehr abhandengekommen. Es ist eine Schande.“ Sie bittet: „Vielleicht sollten Sie darüber einmal einen Artikel schreiben. Vielleicht verstehen manche Zeitgenossen dann, dass man so nicht mit anderen Menschen umgehen darf und kann…“

Da möchte Tilo nur noch anfügen: „…vor allem, wenn man bedenkt, dass es jeden überall und jederzeit ebenfalls treffen kann.“

Tilo

Anzeige