Tilo: Erkenntnis

Wenn Tilos alter Kumpel Bodo durch Hagens Innenstadt geht, fallen ihm vor allem die vielen Raucher auf, die ihm ihre „Stinke-Stäbchen“ unter die Nase halten. Dass er sich zudem stundenlang über die vielen Kippen überall auf dem Pflaster zu erregen vermag, liegt auf der Hand. Ein anderer Kumpel hingegen, nennen wir ihn Harro, bemerkt die Raucher überhaupt nicht (er ist selber einer), stattdessen ereifert er sich umso mehr über junge Frauen, die Kopftücher tragen. Wenn man den beiden uneingeschränkt glauben würde, durchlaufen eigentlich nur noch abwechselnd zwei Sorten von Menschen die heimische Fußgängerzone: mal Raucher/innen, mal orthodoxe Muslima.

Wenn‘s nicht so ernst wäre, könnte man sich über Bodo und Harro amüsieren. Denn dass die beiden eine von ihren Abmeigungen geprägte Wahrnehmung haben, versteht sich fast von selbst. Eine solche einseitige Wahrnehmung war jetzt auch Inhalt einer großen internationalen wissenschaftlichen Untersuchung, an der die Hagener Fernuniversität betei­ligt war. Hier ging es natürlich nicht um Zigaretten oder Kopftücher, sondern um die Art und Weise, wie sich der Blickwinkel bei Straftaten muslimischer Verdächtigter verengt und manche Menschen – aufgrund ihrer Vorurteile und vorgefassten Meinungen – eigentlich gar nicht mehr an Hintergründen und Wahrheiten interessiert sind. Vereinfacht ausgedrückt: man will eigentlich nur noch das sehen, was man aufgrund seiner Vorurteile sehen möchte. So wie Harro bei den Kopftüchern und Bodo bei den Rauchern.

Die Hagener Forscher befragten zum Anschlag im bayrischen Ansbach im Juli 2016. Damals hatte ein syrischer Asylbewerber 15 Menschen mit einer Bombe verletzt und war dabei selbst ums Leben gekommen. Merkel-Gegner sahen in dem Angreifer sofort ein Beispiel für die ihrer Meinung nach gescheiterte Asylpolitik der Bundesregierung. Ähnlich einfache Denkmuster zeigen sich aktuell auch im ostdeutschen Köthen, wo man letztlich in Teilen der Bevölkerung nicht mehr an einer Aufklärung durch die Strafverfolgungsbehörden interessiert ist, sondern nur noch an Ausländer- und Merkel-Hass.

Und welche Erkenntnis ergibt sich jetzt aus der Hagener Fernuni-Untersuchung? Wahrscheinlich die: Wer vernagelt ist, ist vernagelt und will es meist auch bleiben. Das Problem: Die Zahl solcher Menschen wächst offenbar in unserer Gesellschaft. Keine schönen Aussichten.

Tilo