Tilo: Ohne Note?

Die Hessen haben in diesen Tagen offenbar ein Thema mit beachtlicher Sprengkraft angestoßen. Sie wollen die Schulnoten abschaffen. Bundesweit schlagen darüber die Wellen haushoch, als drohe das Weltende. Auch an etlichen Hagener Schulen wird das Thema momentan heiß und hitzig diskutiert.

Was ist los? Kultusminister Alexander Lorz (CDU) muss nach dem für seine Partei unrühmlichen Ausgang der hessischen Landtagswahl im Oktober eine Runde kleine Brötchen backen. Trotz großen Widerstands unter den eigenen Leuten muss die Union den Forderungen des grünen Koalitionspartners nach einer Bildungsreform nachkommen. Man will „pädagogisch neue Wege gehen“ und die „Leistungsnachweise anders gestalten“. Wie? Fallen die Noten ganz weg? Sollen sie landesweit ersetzt werden durch ausführliche, individuell für jedes Kind verfasste, wertschätzende und ermunternde Berichtzeugnisse? Man bastelt noch dran.

Streng genommen wird diese „Revolution“ allenfalls ein Reförmchen sein, denn die Abschaffung der Noten soll nur in 30 der 1800 hessischen Schulen als ein Angebot eingeräumt werden für Schüler bis zur achten Klasse, wenn Schüler, Eltern und Lehrer sich gemeinsam dafür entscheiden und zuletzt noch die Schulkonferenz zustimmt. Noch höhere Hürden sind kaum möglich.

Die wutschnaubende und bis in unsere Hagener Schulstuben schwappende Bildungsdebatte gleicht also einem Hurrikan im Schnaps-Pinnchen. Wollen Kinder tatsächlich wissen, was ihre Leistung wert ist? Die Welt teilt sich verbissen in die, die Ziffernnoten ehren und als Freifahrtschein in eine erfolgreiche Zukunft betrachten und die, die sie als fragwürdig, entwicklungsbremsend und gesellschaftlich die Zukunft verbauend ansehen und deshalb über Bord werfen wollen.

Noten! Sie sind so ne Sache. Tilo hatte einst seine gute Note in Chemie über Jahre hinweg nur der Tatsache zu verdanken, dass sein Lehrer ihn entweder verwechselte oder sie „erwürfelt“ hat. Unter seinen Freunden und Verwandten sind heute etliche Lehrer. Sie haben ihm längst erklärt, wie man als Pädagoge seinen Seelenfrieden wahrt und sich Eltern und Rechtsanwälte vom Hals hält: Bloß keine Zeugnisnote schlechter als „4 minus“ vergeben, sonst wird es fix ungemütlich. Letztes Jahr hat er als Vater aus nächster Nähe miterlebt, wie eine Lehrerin, bei der man einfach nichts lernte, bei einer zentralen Prüfung so gnadenlos getrickst hat, dass niemand durchfiel, damit kein schlechtes Licht auf ihren Unterrichtsstil fiel. Obendrein gesteht (fast) jeder Lehrer ein, dass Zensuren durchaus auch etwas mit Sympathie oder Antipathie zu tun haben.

Aber es gibt auch ein Bildungswunder: Ohne die alleinseligmachenden Ziffernnoten wächst seit fast einhundert Jahren still und bunt die Waldorfschul-Bewegung, die 1920 durch den Philosophen Rudolf Steiner gegründet wurde. In mittlerweile 1092 Waldorfschulen weltweit – darunter auch in Haspe – lernen die Kinder und Jugendlichen bis zur Oberstufe ohne Sitzenbleiben und ohne Noten, aber dafür mit ausführlichen Berichtzeugnissen, regelmäßigen Schullaufbahngesprächen und im engen Austausch von Lehrern, Schülern und Elternhaus.

Geht doch, macht aber allen Beteiligten etwas mehr Arbeit. Was nicht jeder mag.

Tilo

 

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