Seehofer fragen

Alle Monate wieder werden Themen durchs „deutsche Dorf“ getrieben, die eigentlich abgedroschen sind. Die Frage, ob der Islam zu uns gehört, zählt dazu. Und auch die Frage nach der deutschen Leitkultur. Horst Seehofer und Markus Söder, die beiden bayrischen Obervorturner, haben diese Themen in den vergangenen Tagen mal wieder aus dem Stall einer Alpenkäsealm geholt.

Spitzfindig könnte man einwenden, dass allein schon die Tatsache, dass immer wieder darüber diskutiert wird, beweist, dass der Islam irgendwie „bei uns“ ist. Na, und was würde die AfD machen, wenn es ihn in Deutschland nicht gäbe? Nach dem alten mathematischen Motto „minus mal minus ergibt plus“ braucht die AfD die Muslime in Deutschland nötiger als ein katholischer Priester sein Weihwasser.

Spannender als die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist eigentlich die Frage, welche Form hierher gehört. Denn Muslim ist bekanntlich nicht gleich Muslim.

Natürlich hat Seehofer recht, wenn er sagt, dass Deutschland ein christlich geprägtes Land ist. Aber auch hier ist die Angelegenheit eigentlich komplizierter als sie sich im ersten Augenblick anhört. Denn Christ ist auch nicht gleich Christ. Ein im Tempel an der Heinitzstraße betender Mormone hat sicherlich leicht andere Vorstellungen als eine lutherische Pfarrerin wie Margot Käßmann. Und dass sich etliche Vertreter der „Papst-Kirche“ mit der weiblichen Emanzipation – Stichwort: Pfarrerin – ebenso schwer tun wie mit Geschiedenen oder gar mit Schwulen, zeigt, dass das Grundgesetz nicht unbedingt zur Lieblingslektüre mancher Hardcore-Katholiken gehört.

Bezogen auf die beiden großen Kirchen darf ungefähr jeder zweite Deutsche als Mitglied eingestuft werden (je circa 28 Prozent). Daneben gibt es noch eine Reihe kleinerer christlicher Glaubensgruppen – man denke zum Beispiel an die anthroposophische Christengemeinschaft oder an die Griechisch-Orthodoxen.

Unterm Strich kann von einem christlichen Anteil von rund 60 Prozent gesprochen werden. Muslime machen lediglich 5,5 Prozent aus. Ferner leben zwischen Flensburg und Berchtesgaden ein paar hunderttausend Buddhisten, Hindus, Jesiden, Sikhs und weiß der Kuckuck wer noch.

Die am stärksten wachsende Gruppe haben wir bislang gar nicht genannt: die Ungläubigen. In manchen Bundesländern bilden sie inzwischen sogar die absolute Mehrheit – und man munkelt, dass zu dieser Gruppe sogar manch‘ Ex-Muslime zählen.

Auch Tilo ist ein abtrünniger Protestant. Ob er trotzdem zu Deutschland gehört? Da muss er mal den Seehofer fragen. Der muss das doch wissen.

Schöne Ostern!

Tilo