Tilo: Vor zehn Tagen

Die Hasper liefen mal wieder zur Höchstform auf – am vergangenen Samstag beim Kirmeszug. Jogi Löw und seine Mannen hätten sich ein Beispiel nehmen könne, wie Leidenschaft und Engagement aussehen können. Wenn man dann noch bedenkt, dass im Tal der Ennepe fast ausschließlich Ehrenamtler am Werke waren, fällt die ideenlose Pomadigkeit im deutschen Spiel erst recht negativ auf.

Eine besondere „Gala-­Vorstellung“ lieferte in Haspe abermals Grün-Weiß-Präsident Rainer Bartelheim ab. Er und seine Mannen hatten riesengroße „PET-Flaschen“ im Angebot. Warum PET und warum riesengroß? Ganz einfach: weil sich hinter PET eine Abkürzung verbirgt, die nicht – wie allgemein gedacht – für Poly­ethylenterephthalat steht, sondern für Putin, Erdogan und Trump. Deshalb fielen die Flaschen auch besonders groß aus.

Hätte der Kirmeszug nicht schon am Samstag stattgefunden, sondern erst am kommenden Wochenende, hätte Bartelheim sein Sortiment wahrscheinlich noch um Buchstaben wie M (Müller), K (Kimmich, Khedira) oder S (Seehofer) erweitert. Denn die beiden Münchener Kimmich und Müller irrlichterten im Moskauer Stadion mit dem Ball ähnlich unbeholfen herum wie einige Münchener Politiker in Berlin mit einem „Masterplan Asyl“, den außer ihnen bislang keiner kennt, von dem aber alle reden.

Womit wir beim brisantesten Thema dieser Tage sind: Migration, Flucht, Vertreibung, Rettungsschiffe, die entgegen internationaler Regeln in einigen EU-Ländern nicht einmal mehr an Land gehen dürfen, besser bewachte Grenzen etc. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat soeben aktuelle Zahlen vorgelegt. Danach sind 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht – so viele wie noch nie. Deutschland liegt zwar auf Platz sechs der Liste der Hauptaufnahmeländer von Flüchtlingen; aber gleichzeitig ist die Zahl der in Deutschland gestellten Asylanträge deutlich gesunken – nach UNHCR-­Angaben auf etwa 190.000 in 2017.Tendenz: weiter sinkend.

Die meisten Schutzsuchenden leben übrigens in eher armen Ländern, wie zum Beispiel in Pakistan oder Uganda. An der Spitze steht indes ein Land, das auf diesem Sektor auch für Mitteleuropa nicht ganz ohne Bedeutung ist: Erdogans Türkei. Im „Osmanen-Staat“ wohnen laut UNHCR 3,5 Millionen Geflüchtete. Ein Großteil von ihnen stammt aus Syrien. Die meisten Asylanträge wurden allerdings in einem völlig anderen Teil der Welt gestellt – in Trump-Land, und zwar über 300.000.

Kehren wir noch einmal nach Berlin und Moskau zurück. Vor zehn Tagen konnte Angela Merkel noch mit einer 33-Prozent-Zustimmung rechnen. Ebenfalls ein Drittel der Deutschen war der Meinung, dass der WM-Titel von Neuer und Co. verteidigt wird. Wohlgemerkt: Vor zehn Tagen. Mann, ist das lange her!

Tilo