Vermasselt

Sonntagnacht – es war tatsächlich eine historische Minute in der deutschen Nachkriegsgeschichte, als FDP-Chef Lindner verkündete: „Lieber gar nicht regieren, als schlecht regieren.“

Ausgerechnet die FDP schlug sich also in die Büsche, sehr zur Verwunderung aller anderen Berliner Akteure. Denn die Freidemokraten waren und sind sonst immer schnell zur Stelle, wenn es ums Regieren geht – ob derzeit in Düsseldorf mit der CDU, in Kiel mit Grünen und Christdemokraten oder in Mainz mit Grünen und Sozialdemokraten.

Nun ja, FDP-Oberguru Lindner hatte schon kurz nach der Wahl im September zu erkennen gegeben, dass er eigentlich keine große Lust verspürte, in eine Regierung mit Kanzlerin Merkel einzutreten. Insofern ist er sich jetzt treu geblieben. Die Häme war ihm am Montag dennoch sicher, so bezeichnete ihn der Stern einigermaßen belustigt als den „Möchtegern-Macron von Deutschland“ – in Anspielung auf den agilen neuen französischen Staatspräsidenten. Dabei hätte „Jamaika“ ein wirklich richtungweisendes Projekt und eine gute Antwort auf alle rechten Spinner im Lande sein können. Leider werden genau die jetzt erst einmal „Oberwasser“ bekommen.

Ob wir Lindners Ausstiegsbeweggründe jemals ehrlich erfahren? Wahrscheinlich nicht. Eigentlich sind sie auch wurscht – denn das, was zählt, sind die Fakten. Diese Fakten sehen so aus, dass Kanzlerin Merkel jetzt erst einmal nicht weiß, wie genau sie fortan regieren kann. Mit einer Minderheitsregierung? Doch noch mit der SPD? Oder wird es Neuwahlen geben?

Eine knappe Mehrheit der Wähler – das haben Blitzumfragen ergeben – steht solchen Neuwahlen durchaus positiv gegenüber. Ob dabei etwas anderes herauskäme als im September? Schwer zu sagen. Nach den aktuellen Umfragen würden sich die Wahlergebnisse jedenfalls nur geringfügig verschieben – im Ein-Prozent-Bereich. Das heißt, wir bekämen erneut ein sündhaft teures Parlament mit 700 Abgeordneten und sieben Parteien.

Ein Lieblingsautor aus Tilos Jugend ist der berühmte US-Schriftsteller Ernest Hemingway. Er hat dermaleinst viele Kurzgeschichten verfasst, in denen die Helden immer „winner, but loser“ sind, übersetzt: Gewinner und Verlierer zugleich. So ähnlich steht Angela Merkel da – zwar kann eigentlich nicht an ihr vorbeiregiert werden, doch was nutzt dies der „Mutti“, wenn ihr der smarte Herr Lindner „mal eben“ alles vermasselt?

Tilo