Verrohung

Deutschland ist in den vergangenen Monaten nicht nur teilweise stark nach rechts gerückt, sondern scheint auch ein Stück weit zu verrohen. Das zeigt sich oft in Kleinigkeiten, so etwa, wenn man den Raucher am Nachbartisch eines Hagener Biergartens beispielsweise nett bittet, seine Qualmwolken in eine andere Richtung zu blasen. Schon bei solchen Lappalien muss man mittlerweile damit rechnen, dass das Gegenüber – gelinde gesagt – Hasstiraden vom Stapel lässt.

Viel schlimmer noch erleben Rettungskräfte den neuen „Trend“. Dass sie beschimpft und bedroht werden, ist längst an der Tagesordnung. Ähnliches erleben beispielsweise auch Politiker tagtäglich.

Ein typisches Beispiel: In einer norddeutschen Stadt gibt es seit vielen Jahren in der Vorweihnachtszeit einen Lichtermarkt. Den Namen hat man einst gewählt, weil man besonders stolz auf die vielen Lichter ist und weil man sich von den üblichen anderen Märkten Norddeutschlands unterscheiden wollte.

Ewigkeiten lang gab es keine Probleme, in diesem Jahr war plötzlich alles anderes – da tobten Shitstorms vom Allerschlimmsten durchs weltweite Netz. Von einer Verbeugung vor dem Islam war die Rede. Blödsinn.

Ähnlich erging es in diesem Jahr einem deutschen Discounter: Er hatte, abgesehen vom normalen Nikolaus, einen bunten, witzigen Zipfelmann im Angebot. Selbsternannte Christentum-Schützer sahen darin den Untergang des Abendlandes und forderten die Rückkehr des „Weihnachtsmannes“. Wieso des Weihnachtsmannes? Tja, also Tilo hat in Kindestagen gelernt, dass die Katholiken dem Heiligen Nikolaus huldigen und die Luther-Evangelen dem Christkind. Der Weihnachtsmann in der heutigen Form wurde hingegen 1931 von US-Coca-Cola-Werbestrategen geprägt. Was sollen also Shitstorms gegen Zipfelmänner? Ob Zipfelmann oder Weihnachtsmann – christlich betrachtet sind sie beide nicht korrekt.

Wohin der immer übler werdende Hass führt, zeigte sich am Montag auch im benachbarten Altena. Hier hat ein Mann – ein 58-jähriger arbeitsloser Deutscher – versucht, Bürgermeister Andreas Hollstein ein 30 Zentimeter langes Messer in den Hals zu stechen. Weil zwei andere Männer dem Politiker sofort halfen, wurde er zum Glück nur leicht verletzt. Gegen den offenbar politisch motivierten Messerstecher ermittelt jetzt die Hagener Staatsanwaltschaft wegen versuchten Mordes. CDU-Mann Hollstein wurde bundesweit bekannt, weil er vehement dafür eintritt, dass „Deutschlands Zukunft bunt ist“.

Sieht so aus, als müssten wir bald halb Deutschland in VHS-Anti-Hass-Kurse stecken.

Tilo