Verschwunden

Ein paar hundert Postboten haben gestern in Deutschland gestreikt. „Na und…“, denken jetzt die meisten Leser, zucken mit den Achseln, fühlen sich an den umgekippten Sack Reis in China erinnert und gehen zur Tagesordnung über.

Das war früher mal anders. Da wäre der Streik der Postler für Bürger und Unternehmen eine kleine Katastrophe gewesen. Tilo erinnert sich an die gigantischen Briefberge, die noch vor fünfzehn Jahren allmorgendlich auf seinem Schreibtisch lagen. Und heute? Ein Micker-Häufchen. Irgendetwas Wichtiges ist nur noch selten dazwischen.

Die Zeiten haben sich geändert. Wann hat Tilo beispielsweise den letzten privaten Brief verschickt? Vor ein paar Monaten – einen Beileidsbrief. Und da waren die üblichen Karten kurz vor Weihnachten. Und sonst? Nichts!

Stattdessen quillt sein elektronischer Briefkasten tagtäglich über. Im Büro ebenso wie daheim. An vielen Tagen kommen Hunderte Mails an. Drei Viertel aller Deutschen sind inzwischen „online“ – verschicken ihre Briefe und dergleichen also nur noch per Leitung. Würde der Strom auf der Strecke bleiben – es wäre ein echtes Problem. Aber ein streikender Postbote? Man könnte auch drohen, dass die deutschen Kutscher ihre Arbeit verweigern. Das haut uns ebenso wenig vom Stuhl.

Vor ein paar Tagen beklagte eine ältere Eilperin den Abbau eines Briefkastens an der Franzstraße. Klar, für einige Senioren, die weder Mails schreiben noch SMS, mag ein verschwundener Briefkasten ein Ärgernis sein. Wird doch dadurch der Weg zum nächsten Kasten weiter. Aber dass dies gleich den Oberhagener Politiker Gerd Homm auf den Plan rief, hat wohl eher mit Wahlkampf zu tun. In einem Leserbrief rügte er die Deutsche Post für ihr „dreistes“ Verhalten.

Gerd Homm weiß natürlich, dass beizeiten verschwindet, was keiner mehr benötigt. Auch Telefonzellen gibt es nur noch sehr selten. Oder Morse-Apparate. Oder Stehkragen, Gamaschen und Klapp-Zylinder. Warum wohl?