Von der Dunkelheit ins Licht

Tilo steckte sein Blitzgerät auf die Kamera, und schon ratterte das Ding los. Das passierte rätselhafterweise öfter, wenn man die Foto-Blitze in den Metallschuh der Kamera schob, und es klang wie ein Maschinengewehr. „Willst Du mich erschießen?“ fragte Jon Lord grinsend und deutete mit erhobenen Händen an, sich zu ergeben… – Nur eine der heiteren Randnotizen, die sich vor ein paar Jahren bei einem Gespräch mit dem Deep-Purple-Organisten im Vorfeld eines Konzertes mit dem Philharmonischen Orchester Hagen ergaben.

Als Lokaljournalist hat man es nicht oft mit Weltstars zu tun, und wenn, dann gebärden sich manche reichlich etepetete. Tilo kennt Journalistenkollegen, die von den Extrawürsten prominenter Künstler zu berichten wissen, welche sich ihre Hinter-der-Bühne-Mahlzeiten erst esoterisch besprechen und ein Sprudelwasser aber mindestens vom Dalai Lama segnen lassen. Sinngemäß jedenfalls. Geschieht das nicht, haben der Veranstalter und seine Helfer wenig zu lachen.

Jon Lord gehörte nicht zu jenen Promis, denen der Ruhm zu Kopf gestiegen war. Sich aufzuführen wie eine Primadonna, wäre dem Mitgründer einer der bedeutendsten Rockbands der Welt zu albern gewesen. Stattdessen widmete er sich mit voller Leidenschaft der Musik, öffnete seinen Horizont schon in ganz jungen Jahren für die Klassik und komponierte allein oder im Zusammenspiel mit Richie Blackmore und Co. eine Fülle von Songs, die als Meilensteine der Rockgeschichte bis heute Bestand haben.

Welcher Jugendliche aus Tilos Generation, der jemals eine Klampfe in der Hand hatte, versuchte sich nicht am so genial-einfachen Riff von „Smoke on the Water“? Wer schwofte nicht zu „Child in Time“, ließ nicht zu „Highway Star“ die Finger über imaginäre Hammondorgeltasten und Gitarrensaiten fliegen?

In Tilos Ohren kann sich allenfalls noch Peter Gabriel mit der musikalischen Begabung des Jonathan Douglas Lord messen. Uns bleibt nicht nur die fantastische Musik, sondern auch die Erinnerung an die Begegnung mit einem wunderbaren, warmherzigen Menschen. Die Nachricht von seinem Tod letzte Woche bedeutete einen Stich ins Herz.

Das letzte klassische Werk komponierte Jon Lord schon im Angesicht des Todes. Es wurde vor wenigen Wochen in Hagen uraufgeführt und heißt: „Von der Dunkelheit ins Licht“. Möge er den Weg dorthin gefunden haben…