Zebrastreifen-Blues

Es gibt Dinge, die sind noch rätselhafter als das Innere der Leberwurst. Eines dieser wundersamen Dinge ist der Zebrastreifen an der Kreuzung Frankfurter Straße – Mühlenstraße in der Hagener Innenstadt. Von Tilos Büro aus gut zu beobachten, geht hier tagtäglich richtig die Post ab. Fußgängerhatz vom feinsten. Warum gerade hier? In einer Tempo-30-Zone? Man könnte das mit der Gelassenheit des Naturforschers beobachten, wenn es nicht so saugefährlich wäre.

Auch Tilo gehörte vorgestern dort wieder zu den Gejagten. Er läuft über die Straße, unterschätzt die Geschwindigkeit eines herannahenden Autos, was deutlich zu flott unterwegs ist, und dann hupt es, Reifen quietschen, Tilo springt erschrocken zur Seite, das Auto prescht vorbei. Vorfahrt für den Stärkeren, altbewährtes Naturgesetz, Scheiß was auf irgendwelche Straßenverkehrs-Paragrafen. Heidewitzka, und weiter geht‘s zum nächsten Asphalt-Abenteuer.

Nun ist die zügige Verrohung der Sitten im Straßenverkehr – nicht nur an Zebrastreifen – seit einiger Zeit an den schönsten Beispielen zu beobachten. Rechts-Überholen auf der Autobahn, Abschaffung des Blinkers, Erzwingung der Vorfahrt – das kannte man bislang eher aus südlichen Ländern. Offenbar sind bei uns die Strafen immer noch zu niedrig und das Risiko, von der Polizei erwischt zu werden, geht gegen Null.

Es sind nicht nur die Autofahrer. Die Zahl der Menschen, die es unter ihrer Würde empfinden, vor dem Überqueren einer Straße nach links und rechts zu schauen, zieht dramatisch an. Da darf man vermuten, dass die rückläufigen Todesfälle im Straßenverkehr eher der stark verbesserten inneren Sicherheit der Fahrzeuge und den Verbesserungen der medizinischen Kunst in den Unfall-Krankenhäusern geschuldet ist. An einem besseren, rücksichtsvolleren Verhalten im Straßenverkehr liegt es garantiert nicht.

Was tun? Keine Ahnung. Es muß offenbar noch schlimmer kommen, ehe sich etwas ändert. Vielleicht kommen ja wieder Zeiten, wo der Charme von etwas mehr Rücksicht, Höflichkeit und Menschlichkeit wiederentdeckt wird und die so voll im Zeitgeist liegenden Erstmal-ich-Selbstverwirklicher und Eigenen-Vorteil-Wahrer wieder als das geoutet werden, was sie sind: grenzenlos nervig.

Bis dahin gilt das Motto: Besser ein Zebra streifen als einen Bullen anfahren. Bis dahin wiederholt sich auch diese Geschichte: Nach einem Zebrastreifen-Unfall erwacht Helmut auf der Intensivstation des Krankenhauses. Noch benommen murmelt er verwirrt vor sich hin: „Wo bin ich? Etwa im Himmel?“ – „Nein“, antwortet seine Frau, welche an seinem Bett sitzt, „ich bin immer noch bei dir!“

Tilo