Zum Singen?

Der Kampf ums runde Leder wird schon in Kürze wieder die ganze Nation in Atem halten, wenn Jogis Gladiatoren in Wladimirs Wohnzimmer um den goldenen WM-Pokal spielen. Alle zwei Jahre, pünktlich zu EM oder WM, werden die schwarz-rot-goldenen Fanartikel aus dem Keller geholt und die eigenen Autos bunter ausstaffiert als Merkels Staatskarosse.

So auch in diesem Jahr, wenn die DFB-Elf ihren Titel im Wodka-Land verteidigen will. Mit „hungrigen“ Spielern soll diese „Mission“ gelingen. Alte Verdienste zählen nicht, wie auch Mario Götze erfahren musste. Zugegeben, der BVB-Profi spielte, wenn er auf dem Rasen stand, bestenfalls eine unauffällige Saison. Doch die Treue, die Löw in vergangenen Turnieren für verletzte Spieler oder Bankdrücker zeigte, gibt es offenbar nicht mehr.

Wenn Löw vor vier Jahren zu Götze noch gesagt haben soll „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi“, scheint das Vertrauen in das deutsche Wunderkind nun verbraucht zu sein.

Höher in der Gunst stehen Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Die beiden deutschen Nationalspieler mit Gelsenkirchener Wurzeln haben sich unlängst mit dem türkischen Präsidenten ablichten lassen. Dass dieser es mit den Menschenrechten nicht ganz so genau nimmt, das wussten die beiden vor den Fotos – und danach erst recht. Natürlich kann man über Sinn und Unsinn dieser Aktion diskutieren, aber versuchen nicht viele Staatschefs, sich im Lichte sportlicher Superstars zu sonnen?

Kleine Gegenfrage an die AfD, die am Sonntag schon wieder die Themen „Migration“ und „Hymne mitsingen“ in den Mittelpunkt rückte: Wäre eine deutsche Nationalelf ohne Boateng, Khedira, Özil, Gündogan, Gomez, Klose, Podolski, Rüdiger oder Sané konkurrenzfähig (gewesen)?

Wie sieht es mit den vielbeschriebenen „Sommermärchen“ aus, die sich im Zwei-Jahres-Rhythmus wiederholen und alle Fans vor dem heimischen Fernseher oder den Großbildleinwänden vereinen?

Wenn jemand die Gesellschaft mit Füßen tritt, dann sind es diejenigen, die dank (halblegaler) Steuerschlupflöcher Millionen am Fiskus vorbeischleusen, aber dafür mit Inbrunst die Nationalhymne ihres Landes vor einem Spiel schmettern. Diese Männer können nicht wirklich stolz auf ihr Land und deren Bewohnerinnen und Bewohner sein. Sonst würden sie nicht das Steuergeld, das für Straßen, Schulen und Krankenhäuser gebraucht wird, lieber in Briefkastenfirmen verstecken.

Tilo

P.S: Noch ein Nachtrag zum Nationalhymnenstreit. In der Vergangenheit gab es zahlreiche Nationalspieler, die gar nicht oder nur widerwillig mitgesungen haben. Tilo erinnert sich zum Beispiel an Bayern-Star Stefan Effenberg, der lieber Kaugummi kaute statt „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zu schmettern. Als es daraufhin Kritik hagelte, hielt er mit einer kleinen Frage dagegen: „Sind wir hier, um zu spielen oder um zu singen?“