Berufsorientierung ohne Rollen

Vor dem Zeittunnel: (von links) Landrat Dr. Arnim Brux, Kaja Heck von der Agentur für Arbeit und Stefan Krings von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. (Foto: Stefan Scheler)

Schwelm. (Sche) „Wir wollen Betten bauen“, freuten sich die Jungen aus der siebten Klasse auf handwerkliche Aufgaben. Verdutzt standen sie dann vor der angeblichen „Mädchensache“, Laken und Bettwäsche aufziehen zu müssen.

„Das ist typisch für unsere Vorgehensweise“, erklärte Katja Heck, Bereichsleiterin der Agentur für Arbeit Hagen, den Ablauf eines ungewöhnlichen Berufsfindungsseminars für Jugendliche aus der Altersgruppe von zwölf bis vierzehn Jahren, das die Organisatoren Agentur für Arbeit, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und NRW-Schulministerium vor wenigen Tagen im Schwelmer Ibach-Haus vorstellten: „Hier lassen wir spielerisch nicht nur Stärken erkennen, sondern brechen auch althergebrachte Rollenklischees auf.“ Zwar sei zum Beispiel die Lokführerin immer noch exotisch, aber im Geschlechterverständnis ändere sich einiges. Trotzdem gab zum Beispiel die 14-jährige Julia Hasenkamp zu: „Ich habe eher die für Mädchen typischen Sachen gemacht.“

Jan Henning (links) muss auf Anordnung des „Polizisten“ Nursin Mehmet Bingöbaldi die Musikanlage leiser drehen. So zeigt sich Verhandlungstalent. (Foto: Stefan Scheler)

Das Angebot richtete sich an 550 Schüler der siebten und achten Klasse von Haupt- und Gesamtschulen sowie zusätzlich noch an die neunten Klassen von Förderschulen. Auf 500 Quadratmetern Fläche warteten ein Reiseterminal, ein Zeittunnel, ein Labyrinth, eine „sturmfreie Bude“ und schließlich die Bühne auf die jungen Probanden. In so genannten „Stärkeschränken“ fanden die Teilnehmer Auswertungen ihrer Leistungen als Hinweis für besondere Begabungen.

Zur Freude des bei der Vorstellung anwesenden Landrats und Schirmherren Dr. Arnim Brux, der im EN-Kreis auch Polizeichef ist, thematisierte das Rollenspiel auch den Beruf des Ordnungshüters. In der „sturmfreien Bude“ hatte jemand das Radio zu laut gedreht. Nursin Mehmet Bingölbaldi hatte mit der Polizeimütze auf dem Kopf für Ruhe zu sorgen und lernte, sich gegen falsches Verhalten durchzusetzen.

„Wir wollen hier niemandem Schwächen unter die Nase reiben“, beteuerte Katja Heck: „Vielmehr sollen erkannte Talente für eine entsprechende Karriere motivieren.“ In begleitenden Veranstaltungen wiesen die Ausrichter zudem Eltern und Lehrer auf die Potenziale der jungen Menschen hin.

„Es geht hier sehr lebendig zu“, freute sich Stefan Krings, Repräsentant der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, über die rege Beteiligung: „Der Bereich Gesundheit umfasst die in der Zielaltersgruppe enorm wichtige sexuelle Beratung.“ Hier gelte es, Schwangerschaften von Minderjährigen vorzubeugen und vor Aids und Geschlechtskrankheiten zu warnen. Dies geschehe nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der „Loveline“. Eine Schülerin beantwortet dabei Fragen ihrer Altersgenossen in der aus einer Jugendzeitung bekannten Dr. Sommer-Manier.

„Neben der Berufsorientierung steht auch der Bereich der allgemeinen Lebensplanung auf dem Programm“, ging Stefan Krings auf die Weichenstellungen ein, denen sich Heranwachsende in ihrer Biografie gegenübersehen: „Die zwei Stunden, in denen wir hier betreuen, können keine grundlegenden Änderungen im Gesamtverhalten bewirken, aber einen Anstoß zum Nachdenken über die eigene persönliche Situation möchten wir den Jugendlichen schon geben.“

Zum Abschluss der Veranstaltung führte Dr. Arnim Brux noch ein kurzes Gespräch mit den jungen Teilnehmern. „Was braucht man, um Landrat zu sein?“, fragte ihn ein Schüler. „Das ist kein Lehrberuf“, antwortete das Oberhaupt des EN-Kreises: „Man muss kreativ, kommunikativ und vielseitig sein.“