„Bufdis“ sollen Zivi-Lücke schließen

AWo-Geschäftsführer Jochen Winter überreicht den neuen „Bufdis“ Marco Sprenger und Michael Marzok (von rechts) je ein Buch zum Einstand. (Foto: Stefan Scheler)

Witten/EN-Kreis. (Sche) „Ich weiß nicht, wie sich die Familienministerin das gedacht hat“, zeigte sich AWo-Geschäftsführer Jochen Winter bei der Vorstellung der ersten zwei Bundesfreiwilligen-Dienstleister, kurz „Bufdis“ genannt, im AWo-Familienzentrum Witten-Annen vor wenigen Tagen etwas befremdet: „35.000 junge Menschen sollen die mit dem ausgesetzten Wehrdienst ebenfalls weggefallenen Zivildienst-Leistenden ersetzten; nur kosten darf es nicht zu viel.“ Der Bund gibt für den unbewaffneten Dienst an der Allgemeinheit 350 Millionen Euro aus und fördert damit den Bundesfreiwilligen-Dienst, das Freiwillige Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr gleichermaßen. 200 Euro Zuschuss sollen die Einrichtungen für jeden Platz im Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Bundesfreiwilligen-Dienst bekommen. „Die Teilnehmerzahl ist zu hoch gegriffen und nicht zu verwirklichen“, meint Jochen Winter: „Weil die Vorgaben illusorisch sind, macht der Bund uns jetzt wegen angeblich fehlender Werbung Vorwürfe.“ Dabei habe man auf großflächigen Plakaten und in zahlreichen Publikationen kräftig für den neuen Dienst geworben.

Bei dem 20-jährigen Michael Marzok und dem 19-jährige Marco Sprenger hat dies immerhin gefruchtet, und die jungen Männer lernten nun zum ersten Mal ihren neuen Wirkungskreis kennen. Marco Sprenger bleibt allerdings nicht im Familienzentrum an der Willy-Brandt-Straße 1, sondern freut sich auf herausfordernde Aufgaben in Witten-Stockum. Obwohl der Druck, sonst bei der Bundeswehr einrücken zu müssen, nun fehlt, haben sich die beiden Schulabgänger entschlossen, ein Jahr für das Gemeinwohl zu wirken.

Die neuen „Bufdis“ Michael Marzok und Marco Sprenger lernen zusammen mit Personal-Sachbearbeiterin Astrid Weiss, AWo-Geschäftsführer Jochen Winter, Einrichtungsleiter Detlef Blasberg und Gruppenleiterin Alicia Schmidt (von rechts) ihre neuen Schützlinge kennen. (Foto: Stefan Scheler)

„Ich möchte später eine kaufmännische Ausbildung absolvieren“, weiß Michael Marzok schon genau, was er will: „Das Jahr bei der Awo nutze ich, um Erfahrungen in einem Arbeitsverhältnis zu sammeln und die Zeit bis zum Ausbildungsbeginn zu überbrücken.“ „Ich schnuppere in den Beruf des Erziehers hinein, weil ich meine Zukunft im pädagogischen Bereich sehe“, nimmt Marco Sprenger das neue Angebot als Chance wahr: „Außerhalb der eigenen Vergangenheit habe ich noch keine Erfahrung mit einem Kindergarten.“ Nebenbei bemerkt: Er findet das Kürzel „Bufdi“ nicht besonders gelungen.

„Da hat man wieder einmal eine Sache zu voreilig übers Knie gebrochen“, kritisiert Jochen Winter weniger die Bezeichnung als vielmehr das gesamte Konzept: „Man hätte nicht zwei parallele Modelle wie den Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Soziale Jahr, sondern einen allgemeinen Freiwilligendienst schaffen sollen. Das wäre auch für die Transparenz der Bezahlung wesentlich besser gewesen.“ Stattdessen schlagen sich alle Beteiligten mit einem als praxisfern eingeschätzten Quotensystem herum, welches vorschreibt, dass auf drei Ableistende des Freiwilligen Sozialen Jahrs (FSJ) zwei „Bufdis“ kommen müssen. Wenn die Wohlfahrtsverbände dieses Verhältnis nicht erreichen, kappt ihnen der Bund die Förderung der FSJ-Stellen.

„In unserem Bereich haben wir 22 FSJ-ler, das heißt, nach den Vorgaben des Ministeriums müssten wir auf 14 ,Bufdis’ kommen“, rechnet Jochen Winter vor: „Das ist nicht so leicht zu erfüllen. Insgesamt haben wir bei der AWo zehn Bundesfreiwilligen-Dienstleistende, die ersten und bisher einzigen im EN-Kreis.“ Für Marco Sprenger und Michael Marzok war der jetzt ebenfalls freiwillige Wehrdienst, für welchen der Bundeswehr-Verband aktuell eine Abbrecher-Quote von etwa 13 Prozent veröffentlicht hat, keine Alternative. „Auch bei uns kann man übrigens jederzeit wieder aussteigen“, beschwichtigt Jochen Winter Bindungsängste.