Ein Jahr Schwelmer Bücherschrank

Schwelm. (zico) Es gibt sie mittlerweile in fast allen Städten, die ein soziales Miteinander pflegen und der Kultur einen besonderen Stellenwert einräumen: Öffentliche Bücherschränke laden jedermann dazu ein, kostenlos Bücher zu entnehmen oder einzustellen. Sie bieten allen Interessenten einen niederschwelligen Zugang zur Literatur und Literaturfreunden, die beim Gedanken an das Wegwerfen eines Buches erschaudern, die Möglichkeit zur Weitergabe gelesener Schmöker. Seit einem Jahr gibt es auch einen öffentlichen Bücherschrank auf dem Märkischen Platz in Schwelm. Längst ist er zum beliebten Bestandteil des Stadtbildes geworden.

Bestätigen kann dies Heinz Barduhn aus der Arbeitsgruppe Stadtattraktivität des Schwelmer Stadtmarketings, der am Bücherschrank täglich nach dem Rechten sieht. „Hier treffen sich die Menschen und halten oft auch ein Schwätzchen. Bis auf den Silvesterstreich, als ein Kracher im Schrank hochging und die Glastür zum Bersten brachte, gab es keine missliebigen Zwischenfälle“, so Barduhn: „Dem Bücherschrank bringt man offensichtlich Respekt entgegen, denn Schmiereiereien oder sonstige Beschädigungen sind ausgeblieben.“ Was der Rentner allerdings nicht so gern mag: „Manche Leute stellen hier die Apothekerumschau von anno tobac rein oder Reiseführer von Staaten, die es seit Jahren nicht mehr gibt. Das ist ja offensichtlich sinnlos, für sowas gibt es Altpapiercontainer.“ Auch CDs oder Videos gehören nicht in einen Bücherschrank, und jugendgefährdende beziehungsweise verfassungsfeindliche Schriften verbieten sich ohnehin.

Erste öffentliche Bücherschränke wurden in Deutschland Ende der 1990-er Jahre als „kostenlose Freiluft-Bibliothek“ in Darmstadt und Hannover aufgestellt. Das Schwelmer Exemplar geht zurück auf den Entwurf der Designerin und Bühnenbildnerin Trixi Royeck, der 2008 in Bonn entstand. Ihre Umsetzung der Bücherschrank-Idee beinhaltet den Charakter einer „sozialen Skulptur“, die den zwischenmenschlichen Austausch am Objekt ermöglichen sollte. Das Projekt Bücherschrank in Schwelm wurde im Winter 2008 geboren und zunächst von der Arbeitsgemeinschaft Innenstadtentwicklung, Handel und Verkehr verfolgt.

In enger Zusammenarbeit mit der Lehrwerkstatt der Firma ABC in Gevelsberg wurde der Schrank aus massivem Kortén-Stahl erstellt und auf ein Hochfundament am Märkischen Platz aufgesetzt. Betreut wurde das Projekt von Jürgen Rahmer, der auch Material und Erstellung der selbst entwickelten Schließmechanismen spendete. Nachdem alle rechtlichen und politischen Fragen geklärt waren, wurde der Schrank 2013 eingeweiht. Am Bücherschrank können seither alle Menschen jederzeit kostenlos Bücher ausleihen und interessante Exemplare aus ihrem eigenen Fundus einstellen. So können Bücher „auf die Reise“ geschickt werden und bieten Bildung, Unterhaltung und Lektüre für Jedermann.

Ein Jahr Bücherschrank – die Aktiven ziehen eine durchweg positive Bilanz. Äußerst selten müssen die Betreuer einmal einschreiten, dann aber nur, um beschädigte oder unaktuelle Exemplare zu entfernen. Viele Bürger nutzen den Schrank in ihrer Mittagspause, um bei einem Kaffee gemütlich der Lektüre zu frönen. „Der Schrank ist ein absoluter Gewinn für Schwelm“, freut sich Christine Beyer, und auch Martin Schwamborn vom Verschönerungsverein findet den Schrank prima. Denn letztlich ist er auch ein Beitrag zur allgemeinen Leseförderung – und Bildung hat ja bekanntlich noch keinem geschadet…