Gevelsberger Jubiläumskalender

Der neu gestaltete Buteraplatz findet sich im Kalender von Renate Schmidt-Vogt ebenso wie viele weitere historische und aktuelle Ansichten aus der Engelbertstadt. (Foto: Frank Schmidt)

Gevelsberg. (zico) „Eigentlich“, denkt Renate Schmidt-Vogt zurück, „hatte ich schon den Plan gefasst, nach längerer Pause noch einmal einen Kalender zu erstellen, und ich hatte auch bereits ein Konzept.“ Doch als die Gevelsbergerin das Grußwort des Bürgermeisters Claus Jacobi zum Jahreswechsel 2009/2010 las, in dem er bereits das Stadtjubiläum 2011 ins Blickfeld rückte, warf sie ihr Konzept noch einmal komplett über den Haufen und begann völlig neu: „Auf zwölf Holz- und Linolschnitten mit Gevelsberger Ansichten ging es mir nun darum, in den Motiven ein Stück Stadtgeschichte sichtbar zu machen. Ich habe einige Motive aus der Zeit der frühen Stadtwerdung aufgenommen, zum Beispiel das alte Rathaus, aber auch städtebauliche Neuerungen wie etwa den Engelberttunnel oder den Buteraplatz.

Zwischen 1987 und 1999 hatte die frühere Grundschullehrerin, die seit mehr als vier Jahrzehnten als künstlerisches Multitalent im heimischen Raum auf sich aufmerksam macht, bereits mit großem Erfolg sechs Kalender gestaltet, die Gevelsberg beziehungsweise die Region zwischen Ennepe und Ruhr zum Thema hatten. In jenen Jahren hatte sie bereits ihre vielfältige Begabung unter Beweis gestellt und in den Kalendern Aquarelle, Holz- und Linolschnitte, Feder-, Bleistift- und Rötelzeichnungen präsentiert.

„125 Jahre Stadtrechte Gevelsberg“ – dieses Jubiläum ist nun Leitmotiv für das „Kalender-Comeback“ der Künstlerin, die seit mehr als 30 Jahren nicht nur in der Gruppe „Gevelsberger Künstler“, sondern auch im Autorenkreis Ruhr/Mark Mitglied ist und sich vor einem Jahr auch noch der Initiative „Kunstraum EN“ angeschlossen hat. Kaiser Wilhelm I. verlieh als König von Preußen am 1. Februar 1886 der Gemeinde Gevelsberg die Stadtrechte und verhalf ihr damit zu mehr Eigenständigkeit. Und sorgte damit eineinviertel Jahrhundert später auch für zusätzliche Inspiration und Motivation bei Renate Schmidt-Vogt.

Für manch einen Linol- oder Holzschnitt brauchte sie allein an die fünf Stunden, wenn sie zum Beispiel ein Gebäuden in all seinen Einzelheiten möglichst getreu wiedergeben wollte. „Das sieht ja viel schöner aus als in Wirklichkeit“, staunte denn auch eine Berachterin, als sie erste Probedrucke anschaute. Mit Bildunterschriften, die bestimmte Ereignisse datieren und beschreiben, lassen sich wichtige Stationen der Stadtentwicklung einordnen. „Dafür habe ich in vielen Büchern geblättert,“ so die Künstlerin, „denn mehrfach waren geschichtliche Daten unterschiedlich beziffert.“ Zuweilen gab es bei den Recherchen aber auch Anlass zum Schmunzeln, wenn zum Beispiel 1885 bei der Entscheidung über den Gevelsberger Antrag auf die Verleihung der Stadtrechte ein Amtsbeigeordneter meinte, dass „Gevelsberg auf den ersten Blick nicht so ganz einen städtischen Eindruck macht.“ Dennoch bestätigte er „ein reges

Ein Motiv im Stadtjubiläumskalender von Renate Schmidt-Vogt ist die Seufzerallee.

geschäftliches Leben, denn selbst an den äußersten Grenzen der Gemeinde ertönt aus kleinster Hütte der von geschäftiger Hand geschwungene Hammer.“ Etwas später urteilt er: „Bei der hier vorhandenen intelligenten Bevölkerung lässt sich das Interesse nicht verwundern.“ An anderer Stelle wird zu bedenken gegeben, dass „in Gevelsberg vielfach eine durchaus unpatriotische und der preußischen Monarchie feindliche Gesinnung herrscht und sich in anmaßender Weise öffentlich geltend macht“. So ging das handwerkliche Gestalten des Kalenders für Renate Schmidt-Vogt einher mit so mancher unterhaltsamen Geschichtsstunde.

Wie liebevoll und aufwändig der Kalender erstellt ist, verdeutlich ein Blick auf die einzelnen Arbeitsschritte. Oft mehrfachen Besuchen der dargestellten Objekte mit der Kamera oder aber der Bildrecherche in historischen Quellen folgte die Arbeit am PC. „Der Computer erleichtert mir die Arbeit – zum Beispiel kann ich dort das Bild seitenverkehrt auf den Bildschirm rufen. Originalfotos musste ich früher immer gegen ein starkes Licht halten, damit das Motiv durchschien. Denn das Motiv muss ja ebenfalls seitenverkehrt ins die Holz- oder Linoleumplatte geschnitten werden“, berichtet die seit 1966 in Gevelsberg lebende Kunstschaffende. Dem eigentlichen Schneiden mit diversen unterschiedlichen Messern folgen dann diverse Probedrucke, eventuelle Nacharbeiten und das Einscannen des besten Drucks, damit am Computer nochmals etwaige kleinere Korrekturen und künstlerische Bearbeitungen. Um Farbe ins Bild zu bringen, wendet sie zusätzliche Tricks an, klebt farbige Zeitungsausschnitte an genau berechneten Stellen auf die Druckfläche und erzielt so den gewünschten Effekt.

Sogar das Kalendarium hat Renate Schmidt-Vogt selbst erstellt, und zu den nüchternen Fakten über die Bildmotive gesellt sich pro Kalenderblatt ein Ausschnitt aus einem ihrer Gedichte, der zum dargestellten Bild passt. Eingeführt in den Kalender wird der Betrachter mit einem Grußwort des Bürgermeisters, der auf den historischen Kontext verweist und seinen „herzlichsten und aufrichtigsten Dank“ an die Künstlerin für ein beeindruckendes Werk richtet.

Dass er damit richtig liegt, davon können sich alle Gevelsberger und Freunde der Stadt ab sofort selbst überzeugen. Für 22 Euro ist der Kalender „125 Jahre Stadt Gevelsberg“ ab sofort im heimischen Buchhandel sowie bei Renate Schmidt-Vogt erhältlich.