Im Hügelland reifen Mord-Ideen

Das Cover des neuen Buches von Stefan Melneczuk mit dem Titel „Schattenland“. (Foto: Blitz-Verlag)

Hattingen/Sprockhövel. (zico) Ob der ländliche Bereich zwischen Hattingen-Stüter und Sprockhövel jenes „Schattenland“ ist, das dem neuesten Werk des heimischen Grusel-Autors Stefan Melneczuk seinen Namen gab, ist nicht so genau auszumachen. Doch hier ist der 42-Jährige aufgewachsen, und hier spielt auch die ein oder andere Erzählung des 400 Seiten starken Buches, das der Autor seiner stetig wachsenden Fangemeinde in diesen Tagen vorlegt. Erneut lädt Melneczuk seine Lesegemeinde auf einer schauerlichen Streifzug voller Unheimlichkeiten ein – auf einen Streifzug durchs Schattenland!

„An Schattenland habe ich über einen Zeitraum von fast zwei Jahren gearbeitet. Mein Ziel war, bereits vergriffene oder nur in Anthologien erschienene Kurzgeschichten einem größeren Publikum bekannt zu machen. Nach der Geisterstunden-Sammlung von 2009 ist das nun das zweite Buch dieser Art beim Blitz-Verlag und soll auch jene Leser ansprechen, die bewusst nur kurze Texte lesen wollen oder können, als Alternative zu Romanen“ erklärt der Autor, der stilgerecht am 31. Oktober 1970 zur Welt kam: „So hat man mit jeder Story eine in sich abgeschlossene Abendlektüre oder auch mal etwas für den Strandkorb im Sommer.“

Melneczuk selbst liebt diese literarische Form seit 1985. seine größte Inspiration lag und liegt in Stephen Kings Arbeit. Seine Romane „Shining“, „ES“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ haben das literarische Schaffen ebenso geprägt wie die frühen Storysammlungen „Gesang der Toten“ oder auch „Nachtschicht“. Gern gibt der Schriftsteller die lokalen Bezüge zu, die sich in Schattenland finden – zum Beispiel in der Story „Das Haus am Hügel“, die im Hattinger und Sprockhöveler Hügelland angesiedelt ist und die unheilvolle Begegnung eines Zeitungsboten mit einer alten Dame beschreibt. „Zu dieser Idee kam ich als Teenager beim Austragen unseres Gemeindeblättchens, aber es hat seltsamerweise bis heute gedauert, die Story in einem Buch zu veröffentlichen“, so der Autor: „’Das Mütterchen’ ist hingegen eine Vampir-Persiflage mit Schauplatz in Wuppertal, ebenso die Endzeit-Story ’Steine’, in der eine ganze Stadt über Nacht zu Stein erstarrt, inklusive fast aller Bewohner.“

Die Landschaft seiner Heimat ist für Stefan Melneczuk aber auch noch aus einem anderen Grund wichtig, um seinen Leser eine Gänsehaut ins Gemüt zu schreiben. „Nach Feierabend und vor meinen Schreib-Sessions fahre ich fast jeden Abend zehn Kilometer mit dem Rad durchs schöne Hügelland, um den Kopf frei zu bekommen und mich in Stimmung zu bringen“, berichtet der hauptberuflich als Journalist tätige Gruselmeister.

„Schattenland“ versammelt neben den ersten und inzwischen vergriffenen Short-Stories auch unveröffentlichte oder in Anthologien erschienene Texte. Erstmals sind mit „Verschollen“, „Martyrium“ und „Julia“ jene Geschichten in einem Buch vereint, mit denen Melneczuk beim Treffen Junger Autoren in Berlin (1987), bei den Hattinger Literaturtagen (1993) und beim Ruhr-Futur-Wettbewerb der Uni Bochum (1997) ausgezeichnet wurde. Alle Texte wurden für dieses Buch komplett überarbeitet. Stefan Melneczuk über die vergangenen beiden Jahre im Schattenland: „Das war wie der Blick in einen alten Spiegel: Du schaust mit 43 Jahren hinein und siehst mit 17 wieder hinaus. Unheimlich.“

So versammelt Schattenland alles, was im schwarzen Genre Rang und Namen hat: „Die Brücke“ führt in eine außer Kontrolle geratene Geisterbeschwörung, während in „Hunger“ Außerirdische weltweit auf Menschenjagd gehen und die „Schläfer“ in einer Diktatur erwachen, in denen das Staatliche Amt für Verkehrssicherheit die Macht an sich nimmt. „Hardsons letzter Song“ macht Rockmusik zu einer tödlichen Waffe und verbeugt sich – jenseits allen Schauers – posthum vor Queen-Sänger Freddie Mercury. Den verehrt der Autor übrigens bis heute: „Ihn bei der Neuauflage dieser Short-Story ins Rampenlicht zu holen und ihm einen unverhofften Gastauftritt zu geben, war mir eine Ehre.“ Mit „Glas“ und „Kanal 38“ gibt es zudem zwei dunkle Liebesgeschichten, in denen Liebe den Tod überdauert.

Im „Haus am Hügel“ wartet unterdessen nicht nur ein grauenhaftes Geheimnis, sondern auch 80er-Jahre-Nostalgie in Reinform, wenn es um das gute alte Tonband im Allgemeinen und um die Songs der Schlagerrallye im speziellen geht. „Nunnington Hall ist dagegen eine moderne Gespenstergeschichte vor klassischer Kulisse“, verrät der Autor, der mit Stephen Kings unheimlichen Geschichten und der Musik von Depeche Mode aufgewachsen ist. „Wer da nicht auf dunkle Gedanken kommt, dem ist nicht zu helfen.“ Einige seiner Geschichten würzt er mit dem ihm eigenen schwarzem Humor, den er auch bei seinen berüchtigten Lesungen an den Tag legt. Demnächst will er auch im Südkreis vor Publikum aus seinem neuesten Werk vortragen, genaue Termine stehen aber noch nicht fest.

„Schattenland“ ist vor allem eines: unberechenbar wie eine Fahrt durch eine Nacht ohne Vollmond, und das ohne die üblichen blutigen Klischees. Im kommenden Jahr schließt Stefan Melneczuk seine Romanreihe ab – mit dem Thriller Wallenstein, der sich um eine unheimliche Mordserie dreht und die dunklen Fäden seiner beiden Vorgänger vereint…

Schattenland, Taschenbuch, 400 Seiten, ISBN: 978-3-89840-376-4, 14,95 Euro.