Kreative Musiklehre für Kinder

Kindergartenleiterin Miriam Uibel und Musikpädagoge Ralf Franke verstehen es, ihre kleinen Klangkünstler immer aufs Neue zu begeistern. (Foto: Stefan Scheler)

Ennepetal. (Sche) Fröhliches Singen empfängt den Besucher im Ennepetaler Kindergarten Fliednerhaus: 13 Vorschul-Dötze sitzen im Kreis auf dem Boden, um gemeinsam ihre Fantasie und die Stimmbänder spielen zu lassen.

Es ertönt das Lied „Metissa Columba“, nach einer Idee des Musikpädagogen Ralf Franke, der drei Monate lang an jedem Montag aus Lüdenscheid in den Kindergarten kommt, um die Jungen und Mädchen an die Welt der Töne und Klänge heranzuführen. „Das Lied lässt sich beliebig erweitern und verändern“, erklärt der 45-Jährige sein Konzept: „Das regt die Kreativität der Kinder an und gibt ihnen Raum, eigene Wünsche und Träume in den Text einzubringen.“

Das Prinzip funktioniert, denn die 13 Kinder gehen mit Leib und Seele mit, sind einmal mucksmäuschenstill, wenn der Musiker etwas aus seinem Fach erklärt, sind dann aber mit viel Temperament sofort da, wenn sie die Theorie in etwas Hörbares umsetzen sollen. „Normalerweise gehören zu diesem Kurs 18 Kinder“, erklärt Kindergartenleiterin Miriam Uibel: „Wegen Krankheit fehlen aber heute einige.“

Auf großen, umgedrehten Kunststoff-Eimern lassen sich auch tolle Klänge erzeugen, wenn die Kinder sie als Basstrommeln benutzen. (Foto: Stefan Scheler)

Nach dem einleitenden Gesang, dem eine Tanzeinlage vorausgegangen ist, geht es an die Instrumente. Jedes Kind bekommt ein Musik-Werkzeug. Neben klassischen Vertretern wie Geige, Trompete und diversen Trommeln ist auch Exotisches dabei, etwa ein „Regenmacher“-Kaktus aus Mexiko oder die südamerikanische Froschreibe. Beim Kaktus rasseln in dessen ausgetrocknetem und entstacheltem Stamm kleine Steinchen oder Körner und erzeugen ein den Regentropfen ähnelndes Geräusch. Die Froschreibe ist ein etwa handgroßes Objekt, auf dem der Spieler mit einem Stöckchen beim Reiben der Klang der kleinen Wasserbewohner nachahmt. Mit leisen Tönen beschwören die Kinder einen sonnig-schönen Sommertag, bis plötzlich ein Gewitter mit Urgewalt über die friedliche Szenerie hereinbricht. Das Becken mit seinem klirrenden Ton und die hochtönenden Flöten und Pfeifen simulieren Blitz und Donner, nachdem die Geige vorher bei Schönwetter die Sonnenstrahlen dargestellt hat. Den Kindern sieht man an, dass sie gedanklich schon lange nicht mehr im Kindergarten-Zimmer in Ennepetal sitzen, sondern weit entrückt im Reich ihrer Fantasie weilen. Zum Klangerlebnis tragen auch die Sitzmöbel bei. Während des musikalischen Schaffens thronen die kleine Künstler auf umgedrehten Tonnen, die sie auch als Rhythmusinstrumente gebrauchen, denn beim Draufschlagen klingen die großen Gefäße wie Basstrommeln.

Es fällt auf, dass in der Gruppe auch einige Kinder aus fremden Ländern und Kulturkreisen sitzen. „Wir sehen die Musik auch als Mittel zur Sprachförderung und Integration“, geht Miriam Uibel auf diesen Umstand ein: „Die Vermittlung zwischen den verschiedenen Nationalitäten ist eine Spezialität unserer Einrichtung.“

„Das macht mir hier sehr viel Spaß“, strahlt die sechsjährige Chiara, und es klingt gar nicht nach braver Höflichkeit, wenn sie hinzufügt: „Besonders mit den Instrumenten gehe ich gerne um, und noch toller ist das Tanzen am Anfang.“ Ralf Franke ist als Gestalter der Unterrichtseinheiten nämlich davon überzeugt, dass nur ein aufgelockerter Körper dazu in der Lage ist, im Kopf Kreativität und Musikalität zu entwickeln. Sein pädagogisches „Handwerk“ lernte der Klangkünstler in einer dreijährigen Ausbildung an der Universität Dortmund; er pendelt mit einem Kleintransporter – für die vielen Instrumente – zwischen Lüdenscheid, Bochum und Köln, um seine je 60 Minuten dauernden Kurseinheiten anzubieten. Seit vier Jahren betreibt der aus Brandenburg stammende Musikpädagoge seine alternative Klangschule; Institutionen wie der Kindergarten Fliednerhaus buchen ihn gern.