Menschenwürde als Staatsziel

Beim Unterzeichnen der Integrationserklärung „assistierten“ Franz Müntefering (von links) Staatsekretär Dr. Ralf Brauksiepe, Landtagsabgeordneter Hubertus Kramer, Bundestagsabgeordneter René Röspel, Bürgermeister Claus Jacobi und Landrat Dr. Arnim Brux. (Foto: Stefan Scheler)

Gevelsberg. (Sche) „Die 60-Jährigen mögen nicht mehr so schnell laufen können“, brachte der ehemalige Vizekanzler Franz Müntefering die Zuhörer zum Nachdenken: „Aber sie kennen die ein oder andere Abkürzung.“ Auf dem Neujahrsempfang der Stadt Gevelsberg im Zentrum für Kirche und Kultur in der Gevelsberger Südstraße vor wenigen Tagen brach der Vollblutpolitiker mit Augenmaß jenseits politisch korrekter Parteiräson eine Lanze für die längere Lebensarbeitszeit.

„Verbunden mit dem Rückgang der Geburten ist es ein reines Rechenexempel, wann dieser Gesellschaft beim Trend zur Frühverrentung die Mittel ausgehen“, dozierte der selbst immer noch rastlos arbeitende 72-Jährige bei seinem Streifzug durch das Land der politischen und gesellschaftlichen Fehlentwicklungen. „Älter, bunter, weniger“ lautete der Titel seines Vortrags, der auf so großes Interesse schon im Vorfeld gestoßen war, dass die ausrichtende Stadtverwaltung die Veranstaltung vom Rathaus ins Zentrum für Kirche und Kultur verlagern musste. Tatsächlich waren rund 400 Personen gekommen, darunter Landrat Dr. Arnim Brux, Bundestagsabgeordneter René Röspel, Landtagsabgeordneter Hubertus Kramer, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium Dr. Ralf Brauksiepe und viele Repräsentanten des öffentlichen Lebens.

„Du erinnerst an große Momente aufrechter deutscher Politik“, begrüßte Bürgermeister Claus Jacobi den Ehrengast als seinen Parteigenossen: „Deine Überzeugungen hast du stets jenseits aktueller Stimmungslagen vertreten.“ Dieses Lob rechtfertigte Franz Müntefering, indem er in einer etwa halbstündigen freien Rede all die Themen anschnitt, die ihm auf der Seele lagen: Überalterung der Gesellschaft, mangelnder Nachwuchs, Finanzspekulationen, zu wenig Ausbildung, Pflegenotstand und schwierige Integration von Migranten sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Rund 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nahmen am Neujahrsempfang der Stadt mit Hauptredner Franz Müntefering teil. (Foto: Stefan Scheler)

„Spätestens 2060 werden wir weltweit 10 Milliarden Menschen sein“, wartete der Sozialdemokrat mit Zahlen und Fakten auf: „Davon leben dann in Deutschland 65 Millionen, von denen 35 Millionen älter als 60 Jahre sind.“ Außerdem nehme der Anteil an Menschen mit Wurzeln in fremden Kulturen ständig zu. „Wenn der Bürgermeister im Jahr 2040 seinen Empfang gibt, hat die Hälfte seiner Ehrengäste keine rein deutsche Abstammung“, vollzog Franz Müntefering den Schwenk zur Integrationspolitik: „Wir müssen dann eine offene Gesellschaft mit allen Rechten und Pflichten sein, die fremde Kulturen akzeptiert und die verbindende Klammer im Artikel 1 des Grundgesetzes sieht, wo die Würde des Menschen als oberstes Staatsziel festgeschrieben ist.“

In diesem Sinne fand nach dem Vortrag des Ehrengasts die Unterzeichnung der „Gevelsberger Integrationserklärung“ statt, unter die Bürgermeister Claus Jacobi und Spiridon Tsiokas als Vorsitzender des Gevelsberger Integrationsrats sowie Franz Müntefering, gewissermaßen als „Notar“, ihre Namenszüge setzten. „Deine Rede war pragmatisch vom Inhalt und klar von der Sprache“, würdigte der Bürgermeister die Ausführungen des ehemaligen Kanzler-Stellvertreters, der sich auch ins Goldene Buch der Stadt Gevelsberg eintrug: „Das war etwas zum Nachdenken und Mut machen.“

Weil er die alltäglichen Sorgen der Menschen immer im Blick habe, bekam Franz Müntefering von Claus Jacobi die Miniatur eines Alltagsmenschen von Christel Lechner überreicht. Zudem gab es für den ehemaligen Bundespolitiker aus dem Sauerland einen Gevelsberg-Kalender und die Festschrift zum 125 Jahre-Jubiläum der Stadt. Während Lea Bergen und Jonas Käufer den Neujahrsempfang musikalisch begleiteten, stellten Pfadfinder und Sternsinger den Gästen ihr soziales Wirken an Hand von Beispielen vor.