Modell der Schwelmer Synagoge

Das Modell der ehemaligen Synagoge in Schwelm ist neben weiteren Dokumenten jüdischen Lebens in Schwelm bis zum Jahresende in der Sparkassen-Kundenhalle zu sehen. (Foto: Frank Schmidt)

Schwelm. (zico) Das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft besitzt in Schwelm einen besonders hohen Stellenwert. Einmal mehr wurde die bei der Präsentation des Modells der ehemaligen Schwelmer Synagoge deutlich, das seit wenigen Tagen in der Kundenhalle der Stadtsparkasse Schwelm zu sehen ist. Die Synagoge war 1819 als Fachwerkgebäude im Bereich des früheren Fronhofes errichtet worden und diente der jüdischen Gemeinde Schwelms sowie jüdischen Familien aus Barmen als Ort des Gottesdienstes. In dem vorgelagerten Schieferhaus befand sich die Schule der jüdischen Gemeinde. Zu ihrer Entstehungszeit war die Schwelmer die einzige Synagoge zwischen Ruhr und Wupper – erst viele Jahre später wurden weitere Synagogen im Raum Wuppertal errichtet.

Das Modell wurde für die Ausstellung in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal gebaut und mit Unterstützung der Wilhelm-Erfurt-Stiftung finanziert. Um es möglichst vielen Bürgern zugänglich zu machen, wird es bis zum Jahresende in der Sparkasse sowie anschließend im Schwelmer Rathaus und im Märkischen Gymnasium zu sehen sein. Im März 2012 kehrt es dann wieder zurück in die Wuppertaler Begegnungsstätte.

Lothar Feldmann (links) und Jochen Stobbe hoben die Arbeit der AG Stolpersteine am Märkischen Gymnasium hervor, die sich seit Jahren in Schwelm auf Spurensuche begibt. (Foto: Frank Schmidt)

Sparkassenvorstand Lothar Feldmann, der auch für die Wilhelm-Erfurt-Stiftung sprach, betonte in seinen Begrüßungsworten, dass es sich bei dem Modell nicht nur um ein Mahnmal handele, sondern auch um ein Zeichen dafür, wie sehr Juden vor der NS-Herrschaft in das Schwelmer Leben integriert waren. Er lobte das Engagement am Märkischen Gymnasium, insbesondere das der AG Stolpersteine unter der Leitung der Pädagoginnen Gabriele Czarnetzki und Beate Buetz, die sich in der Kreisstadt seit Jahren nachhaltig auf Spurensuche begibt. „Die Schubladen im Modellsockel, in der sich weitere Dokumente jüdischen Lebens in Schwelm befinden, wurden von der AG gestaltet“, strich Feldmann heraus.

Zur Eröffnung der Ausstellung sagte Bürgermeister Jochen Stobbe vor zahlreichen Ehrengästen, darunter Wilhelm Erfurt, Kreisdechant Heinz-Ditmar Janousek, Rabbiner Ahron Ran Vernikovsky, Ex-Kulturamtsleiter Jürgen Kuss und Dacho-Vorsitzender Christiane Sartor, mit dem Modell verbinde sich nicht allein ein Blick zurück in die Geschichte, sondern durchaus auch ein Blick nach vorn. „Auch die Schwelmer jüdischen Glaubens wurden auf grauenhafte Weise ausgegrenzt, verleugnet, vertrieben, verfolgt, verschleppt und schließlich ermordet“, so Stobbe: „Dieses Modell schließt nun eine Leerstelle, wenn es um das Gebäude selber geht. Und doch stehen wir heute nicht nur vor dieser Rekonstruktion, weil uns allein baumeisterliches Interesse leiten würde oder weil die Synagoge unsere Stadt städtebaulich mit akzentuiert hat. Wir sind auch hier, weil uns im Angesicht dieses Modells und bei der Beschäftigung mit der früheren Synagoge eine neue Leerstelle aufgezeigt wird. So symbolisiert diese Synagoge für mich die Kraft des gesamten sozialen, kulturellen und religiösen jüdischen Lebens, das einmal hier in dieser Stadt gelebt wurde, das diese Stadt mitgestaltet hat und das dann brutal zerstört worden ist. Lassen Sie uns diese Leerstellen gemeinsam in den nächsten Jahren auffüllen, nehmen wir das Modell zum Anlass, unser Wissenwollen voran zu treiben und in unseren Bemühungen um Aufklärung nicht nachzulassen.“

Bürgermeister Jochen Stobbe hob hervor, dass die Ausstellung in der Schwelmer Sparkasse auch zum Blick nach vorn auffordere. (Foto: Frank Schmidt)

Die Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, Dr. Ulrike Schrader, beleuchtete anschließend die Geschichte der Schwelmer Synagoge sowie das Schicksal der jüdischen Bürger in Schwelm während der NS-Zeit: „Der Hass auf die Juden war der Kern der nationalsozialistischen Ideologie und zugleich ihre Schubkraft. Der Antisemitismus, der keine Erfindung der Nationalsozialsten war, bildete einen Konsens in breiten Teilen der Bevölkerung. Auf den Judenhass konnten sich viele verschiedene gesellschaftliche Gruppen einigen, manche eher verhalten, andere aggressiver. Als die NS-Führung daran ging, Juden schrittweise aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen, konnte sie sich auf das Stillhalten der Bevölkerung verlassen, auf die klammheimliche Freude an der Denunziation, auf die Lust an Bereicherung und Vorteilsnahme.“

In der Wuppertaler Ausstellung beschäftige man sich auch mit Schwelm. „Das älteste Dokument, das Sie bei uns finden können, stammt aus dem Schwelmer Stadtarchiv und ist ein Schutzbrief für Herz Joas, der sich schon seit 1675 hier aufhielt. In einer Zeit der Umbrüche, des Kampfes für die Emanzipation der Juden, beschlossen die Schwelmer Juden im Jahr 1816, eine Synagoge zu bauen. Sie kauften ein Wohnhaus mit einem Garten an der heutigen Fronhofstraße. Das Wohnhaus wurde zur Schule umgebaut und dahinter die Synagoge errichtet, die am 6. August 1819 im Beisein ’angesehener Bürger’ eingeweiht wurde. Es gibt eine Baubeschreibung aus dem Jahr 1836, aus der hervor geht, dass die Synagoge, ein Fachwerkbau, zehn Meter lang, acht Meter breit und sechs Meter hoch war. An der West- und Südseite war das Haus verschiefert, es gab ein Krüppelwalmdach, auf dessen First eine Wetterfahne stand, deren Stange in der Mitte durch einen Davidstern unterbrochen war“, führte Dr. Schrader aus.

Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, beleuchtete die Geschichte der Schwelmer Synagoge sowie das Schicksal der jüdischen Bürger in Schwelm. (Foto: Frank Schmidt)

Die Synagoge fiel schließlich dem Höhepunkt der antijüdischen Aktionen vor dem Krieg in ganz Deutschland, der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, zum Opfer. In dieser Nacht brachen Nationalsozialisten die Tür auf und zerschlugen die Inneneinrichtung. Vorausschauend waren die Thorarollen bereits zuvor nach Gevelsberg in Sicherheit gebracht worden – über deren Verbleib man, wie Dr. Ulrike Schrader berichtete, noch forschen müsste. Vor der Verwüstung des Innenraumes hatte die Stadt Schwelm das Gebäude von der jüdischen Gemeinde übernommen; kurze Zeit später wurde es abgerissen.

Es sei für die Gesellschaft und besonders für die jüngeren Generationen als Mahnung unerlässlich, die Zeugnisse des Terrors, des Unrechts und der Gewaltherrschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und diese Zeit in Veröffentlichungen, Vorträgen, Zeitzeugenberichten, Mahnmalen, Gedenkstätten und Ausstellungen aufrecht zu erhalten. Die „AG Stolpersteine“ forscht seit einigen Jahren über das Leben und die Schicksale Schwelmer Familien jüdischen Glaubens während der NS-Zeit. Ihre Dokumentationen waren bereits in den Ausstellungen in der Sparkasse und der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal zu sehen. Unter der Leitung des Vermessungsingenieurs Udo Stichling gelang es ihnen zudem, in einer aufwändigen Feldarbeit die Abmessungen des ehemaligen Gebäudes am Fronhof zu rekonstruieren, da nur noch äußerst wenige Bilder oder Pläne existieren.

„Wir arbeiten an einer Lösung, die Forschungsergebnisse der AG am Fronhof an Ort und Stelle augenfällig zu machen“, kündigte Bürgermeister Stobbe deshalb an. Und Dr. Ulrike Schrader lud die Schwelmer Bürger zum Abschluss ihrer Rede ein, „nach Wuppertal zu kommen, um in unserer lebendigen, jungen Ausstellung weitere interessante Einzelheiten der jüdischen Geschichte in unserer Region zu entdecken“.