Nacht für Nacht im Kampf gegen Schnee

Von Frank Schmidt

Mit einem knapp drei Meter breiten Schild schiebt Dennis Lask den Schnee in Richtung Fahrbahnrand – es wird eng in diesem Rekordwinter auf Gevelsbergs Straßen. (Foto: Frank Schmidt)

Gevelsberg. Dienstagmorgen, 3.55 Uhr: Einsatzbesprechung beim Winterdienst der Technischen Betriebe Gevelsberg. Über Nacht ist kein Schnee gefallen – ungewöhnlich in diesen Tagen. Gelegenheit für die zur dieser frühen Morgenstunde acht Dienst tuenden Männer, „Liegen Gebliebenes“ aufzuarbeiten. Außerdem gilt es, besondere Anforderungen des Tages zu berücksichtigen. „Auf dem Friedhof in Silschede ist heute Mittag eine Beerdigung. Bis dahin müssen wir den Parkplatz frei geräumt haben“, weiß Thomas Werminghaus, eigentlich als Kfz-Mechaniker bei den Technischen Betrieben tätig. Heute aber steuert er einen der Lkw, welche die Straßen räumen. „Bei uns muss jeder alles können – im Notfall fährt sogar der Schreiner auf einem Müllwagen mit“, beschreibt Einsatzleiter Carsten Förster das Maß an Flexibilität, das bei den „TBGev“ zum Alltag gehört.

Dann geht es ’raus auf die von General Winter weiß eingekleideten Straßen. Ich nehme auf dem Beifahrersitz eines MAN Dreiseitenkippers Platz, der von Dennis Lask gesteuert wird. Hier auf der Hagener Straße braucht der 24-Jährige keinen geschulten Mitfahrer, der ihn zentimetergenau um etwaige Hindernisse lotst, so wie das in den engen Nebenstraßen nötig ist. Lask genügen zur Orientierung die rot-weißen Fähnchen an den Seiten des knapp drei Meter breiten Schildes, mit dem er die Schneemassen ein Stück weiter Richtung Bordstein schiebt. Auch wenn die B7 vergleichsweise gute Übersicht bietet, muss der Fahrer höchste Konzentration walten lassen. „Man kann ja nicht sehen, wo unter den Schneemassen der Bordstein beginnt oder wo sich irgendwelche Blumenkübel verbergen“, erklärt Dennis Lask und hebt das Schild am Bahnübergang bei Intertrac ein wenig: „Hier ist wegen des Frostes eine Weiche ein Stück hochgekommen. Wenn ich den Schild unter lassen, dann scheppert’s.“

Bis zu 30 Leute sind im Winterdienst für die Technischen Betriebe Gevelsberg im Einsatz. Nach der Einsatzbesprechung um kurz vor vier geht es raus auf die Straßen. (Foto: Frank Schmidt)

Seit Ende November arbeiten Lask und seine rund 30 Kollegen, die im Winterdienst zum Einsatz kommen, unter erschwerten Bedingungen. „Einen solchen Winter hatten wir zu meiner Zeit nie, obwohl auch der letzte schon ziemlich hart war“, sagt Carsten Förster, seit 18 Jahren im Beruf. Oft sind er und seine Kollegen mit Unterbrechungen von morgens um 4 bis abends um 22 Uhr gefordert. Statt dank erfahren sie oft Missmut – zum Beispiel, weil der von den Straßen geräumte Schnee in die Parkbuchten geschoben wird und viele Anwohner nicht mehr wissen, wohin mit ihren Fahrzeugen. Doch es bleibt keine Alternative. „Den Schnee einfach in die Ennepe kippen – so wurde es früher doch auch gemacht“, hat Bürgermeister Claus Jacobi, der den Männern vom Winterdienst an diesem Morgen vor dem Ausrücken seine Anerkennung ausspricht, den Tipp eines Rentners mitgebracht. Jacobi weiß natürlich selbst, dass ein solches Vorgehen wegen des Salz-Einsatz und der heutigen Umweltbestimmungen ausgeschlossen ist: „Und weil es heute viel mehr Pkw gibt als noch zu meinen Jugendzeiten, ist kaum noch Stauraum für die weiße Pracht.“

Die Einsatzkräfte der Technischen Betriebe würden sich umgekehrt auch freuen, wenn ihnen die Anwohner das Leben etwas erleichtern würden. „Da, wo es geht, sollte der Schnee beim Räumen der Gehwege nicht auf die Straße, sondern in die Vorgärten geschüppt werden“, bittet Carsten Förster die Bürger um Umsicht. Denn langsam wird der Platz knapp auf den Straßen, so dass kaum mehr Begegnungsverkehr möglich ist.

Einsatzleiter Carsten Förster kann bei den Technischen Betrieben Gevelsberg auf flexibles Personal zählen: „Bei uns muss jeder alles können!“ (Foto: Frank Schmidt)

Sicher umkurvt Dennis Lask einen Lkw, der auf dem Seitenstreifen abgestellt ist. Vor einem halben Jahr hat er seine dreijährige Ausbildung zum Straßenwärter abgeschlossen, wohl wissend, dass sein Beruf besondere Belastungen mit sich bringt. „Silvester feiern mit den Freunden, das fällt diesmal flach“, sagt er ohne einen Anflug von Ärger. Stattdessen Bereitschaft und Dienst an der Allgemeinheit.

Zwei Lkw und drei kleine Traktoren sind in dieser Nacht auf Achse, um die Straßen ein wenig breiter zu machen. Drei Meter Fahrbahnbreite müssen eigentlich überall bleiben, doch in den Nebenstraßen wird es oft enger. Heute ist Zeit, ein wenig Abhilfe zu schaffen, denn wie gesagt – kein neuer Schnee! „Die Einsatzgebiete sind in drei Zonen aufgeteilt: Zone A umfasst Hauptstraße, Buslinien und Schulwege, Zone B weitere wichtige Straßen, zum Teil mit Steilstücken, Zone C wenig befahrene Straßen und Außenbezirke“, erklärt der Einsatzleiter. Über klassisches Streusalz verfügt er längst nicht mehr, obwohl die Technischen Betriebe Gevelsberg hinreichend Vorsorge getroffen hatten. „Wir können einen Vorrat für maximal eine Woche einlagern – alles andere wäre unwirtschaftlich. Außerdem können wir im Normalfall innerhalb von drei Tagen nachbestellen. Doch in diesem Winter werden halt überall Unmengen von Salz gebraucht“, räumt Carsten Förster mit dem Vorurteil auf, man habe nicht

Dennis Lask umkurvt mit seinem MAN einen Lkw. Wegen der Vielzahl von Fahrzeugen bleibt die Räumung der Straßen oft nur Stückwerk. (Foto: Frank Schmidt)

ausreichend Vorsorge getroffen: „Man muss sich nur einmal vorstellen, was es kostet, den Salzvorrat für zwei Monate in angemieteten Hallen zu lagern. Und wenn es dann nicht schneit, explodieren die Kosten.“

Dennis Lask und seine Kollegen streuen dennoch – kein Salz, sondern Granat- und Grauwackensplit, durchsetzt mit Magnesium-Chlorid, um wenigstens etwas Tauwirkung zu erzielen. Wie ein alter Hase fährt er seine Bahn, weiß, unter welchem Schneehügel unnachgiebige Hindernisse zu erwarten sind. „Die Kollegen machen teilweise Unmögliches möglich“, blickt Bürgermeister Jacobi mit Stolz auf die TBGev-Mannschaft. Gedankt wird es ihr von den Bürgern gleichwohl eher selten – im Blick der Menschen bleibt halt, was nicht geräumt werden kann, nicht das, was Abgefahren wurde

Auf einen Umstand ist Förster ebenso stolz wie auf den funktionierenden Räumdienst: „Die Müllabfuhr musste noch kein Revier liegen lassen – wir sind ja auch zuständig für die Abfuhr von Restmüll und Bioabfälle.“ Auf allen Gebieten arbeiten die Mitarbeiter der TBGev in diesen Tagen also bis zur Erschöpfung. Über ein wenig mehr Anerkennung von Seiten der Bürger würden sie sich gewiss freuen