„Wie eine große Familie“

Sprockhövel. (Sche) „Wir haben die unterschiedlichsten Kinder und Jugendlichen hier“, umreißt Rektorin Johanna Engels den Kreis ihrer Schüler an der Schule Hiddinghausen: „Manche arbeiten an der Schülerzeitung mit, andere dagegen muss man wickeln und füttern.“ Solche „Vielseitigkeit“ mag manche Menschen in Zeiten von Leistungsdruck und Turbo-Abitur schocken, es ist aber auch eine Chance, solidarisches Miteinander zu lernen.

Dieser Meinung sind auch die Schulleiterin und ihre Stellvertreterin Anke Luther. „Jeder wird so angenommen, wie er ist“, drückt die Konrektorin die ethische Richtschnur der Förderschule des Ennepe-Ruhr-Kreises aus. „Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung“ ist die korrekte Bezeichnung der in den 70er-Jahren gebauten Einrichtung an der Langenbruchstraße 4 in Sprockhövel-Hiddinghausen. Nach den neusten politischen Vorgaben sollen im Rahmen der Inklusion auch die Regelschulen die Jugendlichen mit Defiziten integrieren. Die Eltern haben zwischen Regelschule und Förderschule ein Wahlrecht. Geht das nicht zu Lasten der Förderschulen? „Wir haben keinen Schülerschwund“, versichert Johanna Engels: „Im Gegenteil, wir verzeichnen sogar eine Steigerung und haben eine volle erste Klasse.“

Auch eine Rockband gibt es an der Schule Hiddinghausen. Tim an der Bassgitarre und David am Schlagzeug sorgen für den richtigen „Sound“. (Foto: Stefan Scheler)
Auch eine Rockband gibt es an der Schule Hiddinghausen. Tim an der Bassgitarre und David am Schlagzeug sorgen für den richtigen „Sound“. (Foto: Stefan Scheler)

Das mag am Konzept der Einrichtung liegen, die besonders auf Kreativität Wert legt. Es existieren Kunst- und Musikprojekte sowie eine eigene Schulband, dazu reichlich Sport, Bewegungsförderung und vieles mehr. Was es nicht gibt, sind Klassenarbeiten und Zensuren. „Wir bauen keinen Druck auf, indem wir unseren Schützlingen ihre Defizite aufzeigen“, konkretisiert es die Rektorin: „Stattdessen holen wir jeden dort ab, wo er nach seinen Neigungen und Fähigkeiten gerade steht.“

Beim Aufstehen auf die Schule freuen

Dieses Konzept mag es sein, das bei den 127 Schülern, um die sich 42 zumeist sonderpädagogisch ausgebildete Lehrkräfte kümmern, so gut ankommt. Den Beweis für die große Akzeptanz liefert Azra, die auch für die Schülerzeitung schreibt. „Ich freue mich jeden Morgen beim Aufstehen schon auf die Schule“, versichert die 16-Jährige glaubhaft. Das dürfte ein bei ihren Altersgenossen nicht ganz alltägliches Phänomen sein: „Wir sind hier wie eine große Familie und haben viel Spaß beim Lernen und Zusammensein.“ Die junge Dame kennt auch die Schattenseiten. „Ich war früher auf einer anderen Schule“, erzählt sie: „Dort habe ich nicht so gute Erfahrungen gemacht.“

Schulleiterin Johanna Engels (am Tisch) sowie Konrektorin Anke Luther (links) und Schülerin Azra können sich keine schönere Schule vorstellen. (Foto: Stefan Scheler)
Schulleiterin Johanna Engels (am Tisch) sowie Konrektorin Anke Luther (links) und Schülerin Azra können sich keine schönere Schule vorstellen. (Foto: Stefan Scheler)

Dass dies in Hiddinghausen anders ist, dafür sorgt ein fester Pool an Integrationshelfern; an einem Tag der Woche kommt auch eine Schulsozialarbeiterin an die Langenbruchstraße. „Auch im Unterricht findet eine permanente Diagnostik statt“, berichtet die Schulleiterin: „Damit sind wir in der Lage, auf Fortschritte wie auf Probleme gezielt reagieren zu können.“

Vorbereiten auf das Leben danach

Zudem steht ein regelmäßiger Kontakt mit der Berufsberatung auf dem Programm, denn auch die Schule Hiddinghausen hat in erster Linie auf das Leben danach vorzubereiten. „Unsere Absolventen haben beste Zukunftsprognosen“, betont Johanna Engels: „In der Behindertenwerkstatt bekommen sie einen garantierten Arbeitsplatz, bei dem es allerdings nicht bleiben muss.“ Indem in besagter Einrichtung bei der Grundausbildung Stärkungsprofile zutage treten, ergibt sich oft eine Anschlusstätigkeit in besonderen Integrationsfirmen. Auch Grundtechniken des sozialen Lebens wie Einkaufen oder Umgang mit Ämtern und Behörden stehen auf dem Lehrplan. Dieser Bezug zur Lebenswirklichkeit soll den jungen Menschen immer zeigen, wofür sie sich bestimmte geistige Inhalte aneignen.

Für das Kreative stehen ausgewiesene Experten zur Verfügung, zum Beispiel der Ennepetaler Steinbildhauermeister und Kunstlehrer Karsten Müller, der auch bei der Gestaltung des Bahnhofs Ennepetal (Gevelsberg) von sich reden machte. „Projektorientiertes Arbeiten nach Kulturtechniken ist uns sehr wichtig“, merkt Konrektorin Anke Luther dazu ausdrücklich an.