Stiftsfräulein gingen stiften

Die fälschlich als Korn- und Zehnthaus (links) und als Altes Äbtissinnenhaus rechts) bezeichneten ehemaligen Stiftsfräulein-Wohnhäuser auf dem Stiftsgelände in Gevelsberg. (Foto: Privat)

Gevelsberg. Vor genau 200 Jahren, zum Stichtag 1. Januar 1812, erfolgte die förmliche Aufhebung des freiweltlichen adligen Damenstifts in Gevelsberg. Rechtsgrundlage dafür war ein kaiserliches Dekret Napoleons I. vom 22. Juni 1811, das eine Neuordnung der Finanzen im französischen Großherzogtum Berg vorschrieb. Damals gehörte nämlich Gevelsberg wie auch die gesamte ehemalige Grafschaft Mark zu diesem von Napoleon geschaffenen neuen Großherzogtum. Die Durchführung der Aufhebung des Stifts Gevelsberg und auch der übrigen damals noch auf dem Territorium des Großherzogtums bestehenden Stifte ordnete dann rückwirkend zum 1. Januar 1912 ein vom 11. Januar 1812 datierender Beschluss des großherzoglich-bergischen Regierungskommissars an. Allerdings lebten damals keine Stiftsfräulein mehr im Stift.

Das 1803 bis 1805 errichte neue Abteigebäude auf dem Stiftsgelände in Gevelsberg. (Foto: Privat)

Bedeutend für Gevelsberg

Mit der Aufhebung des Stifts in Gevelsberg fand eine Einrichtung auch formal ihr Ende, die Jahrhunderte lang für das Gevelsberger Gebiet eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Sie schuf nämlich wichtige Voraussetzungen für die Kommune dadurch, dass sie seit ihrer Gründung – als Kloster – zu einem Konzentrationspunkt für die mittelalterliche Siedlung in diesem Raum wurde (so genannte Stiftssiedlung). Zudem waren viele der Bauern auf dem Gebiet der späteren Gemeinde Gevelsberg als Inhaber von Höfen des Klosters beziehungsweise des späteren Stifts auch Hörige dieser Institution und somit von dieser abhängig. Die Stadt Gevelsberg und der Gevelsberger Heimatverein e.V. wollen daher das Jubiläum der Stiftsaufhebung nicht einfach vorübergehen lassen. In einer mit Blick auf das Datum des Aufhebungs-Erlasses für Mittwoch, 11. Januar, terminierten Veranstaltung soll an das Geschehen vor 200 Jahren erinnert werden. Für den Festvortrag konnte Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach vom historischen Institut der TU in Dortmund gewonnen werden. Der Historiker ist ein ausgewiesener Fachmann für die Geschichte der Region und hat sich auch ausgiebig mit den märkischen Frauenstiften beschäftigt.

Der in den Präfektur-Verhandlungen 1812 veröffentlichte Stifts-Aufhebungsbeschluss vom 11. Januar 1812. (Foto: Privat)

Stifts-Phantom und falscher Heiliger

Aber in Gevelsberg wurde gar kein Stift aufgehoben“, behauptet der Professor: Ein eigentliches Stift gab es hier nämlich schon längst nicht mehr. Es existierte nur noch als ein Phantom.“ Also kein Grund für ein Jubiläum? Doch“, meint Prof. Sollbach: Das Datum stimmt und auch der Rechtsakt ist erfolgt.“ Wie das alles zu verstehen ist, auch dazu will sich der Historiker aber erst in seinem Vortrag am 11. Januar Entleert und bankrott“. Der Niedergang des Stifts Gevelsberg“ näher äußern.

Gegründet wurde das Stift Gevelsberg zunächst allerdings als ein – urkundlich erstmals 1236 bezeugtes – Kloster der Zisterzienserinnen. Die Anlage errichte man in unmittelbarer Nähe der Stelle, wo der Kölner Erzbischof Engelbert I. am Spätnachmittag des 7. November 1225 bei einem auf ihn verübten Anschlag getötet worden war. Bei dem Kloster Gevelsberg handelte es sich nämlich um eine so genannte Sühnestiftung westfälischer Adelsgeschlechter, die man seinerzeit der direkten oder indirekten Beteiligung an dem Anschlag auf Engelbert verdächtigte. In der Diözese Köln wird Engelbert bis heute als Märtyrer und Heiliger verehrt.

Den Heiligenschein trägt er aber zu Unrecht, und der Heiligen-Titel sollte ihm entzogen werden“, meint Prof. Sollbach. Wie die Forschung schon längst nachgewiesen habe, sei Engelbert nicht als Kirchenmann, sondern als energischer Landesherr im kölnischen Westfalen Opfer des Überfalls mit tödlichem Ausgang geworden. Rom habe ihn auch nie heilig gesprochen, und die Kurie werde dafür ihre Gründe gehabt haben. Ein frommfriedfertiger Mann war er auch nicht, wie selbst sein beschönigender Biograph und Zeitgenosse Caesarius von Heisterbach zugeben musste“, so der Referent.

Der Eingang zum ehemaligen Stift in Gevelsberg mit dem Engelbert-Denkmal von 1925 vorne und dem Abteigebäude von 1805 im Hintergrund. (Foto: Privat)

Niedergang

Bereits im Spätmittelalter wurden die Ordensregeln im Kloster Gevelsberg aber nicht mehr eingehalten. Ab dem späten 16. Jahrhundert ist das Kloster dann als ein freier verfasstes Stift organisiert gewesen. Die in das Stift Eintretenden legten daher auch keinerlei Ordensgelübde mehr ab, sondern leisteten lediglich ein Gehorsamsversprechen gegenüber der Äbtissin. Auch konnten sie jederzeit wieder aus dem Stift austreten. Aufnahme in das Stift fanden jedoch nur Töchter adliger beziehungsweise ritterbürtiger Familien. Wie die Namen der Gevelsberger Stiftsfräulein bezeugen, entstammen sie fast sämtlich dem landsässigen niederen Adel der Grafschaft Mark. Wirtschaftliche Grundlage des Klosters und auch des Stifts war der hauptsächlich durch fromme Schenkungen erworbene landwirtschaftliche Grundbesitz in Form von ganzen Höfen und einzelnen Landstücken. Diese waren in der Neuzeit aber sämtlich verpachtet und die von den Pächtern einkommenden Pachtleistungen wurden an die Stiftsdamen zu deren Unterhalt verteilt.

Im Laufe der Neuzeit ist das Stift jedoch immer mehr zu einer reinen Versorgungsanstalt für unverheiratete Adelstöchter geworden. Dieser Vorgang hat zusammen mit der durch innere Misswirtschaft und widrige äußere Umstände verursachten zunehmenden Verarmung des Stifts dann auch dessen Niedergang herbeigeführt.

Der Vortrag von Prof. Sollbach ist am Mittwoch, 11. Januar 2012, ab 18 Uhr, im Gemeindesaal der Erlöserkirche in Gevelsberg, Elberfelder Straße 16, zu hören. Bürgermeister Claus Jacobi wird ein Grußwort sprechen.