Vokabeln nicht nur „stubenrein“

Ennepetal. (Sche) „Ein Wort von solcher Obszönität“, hätte der frühere DFB-Präsident Egidius Braun gewettert, als bei dem Poetry Slam, zu Deutsch etwa spontanes Dichten, in der Ennepetaler Stadtbücherei vor wenigen Tagen wenig stubenreine Ausdrücke fielen – zum Beispiel die menschliche Fortpflanzung betreffend.

Schüler und Lehrer der 8b der Realschule Ennepetal sowie Schriftsteller Sulaiman Masomi waren mit dem Ablauf des Poetry Slam zufrieden. (Foto: Stefan Scheler)

25 Schüler des Jahrgangs 8b der Realschule Ennepetal waren im Rahmen einer regulären Unterrichtsveranstaltung aufgerufen, von Schulbeginn am Morgen bis zum Mittag selbst spontan Texte zu erstellen. Die Themen reichten dabei über das ganze, die jungen Menschen bewegende Spektrum: Liebe, Zukunftsangst, Schule und Ausbildung sowie Umgang mit Migranten und Andersdenkenden. „Die dabei benutzen Vokabeln sind nur scheinbar verwerflich“, stellte Klassenlehrer Daniel Schneider klar: „Wenn die Wörter einfach ohne jeden Bezug auf dem Schulhof verwendet würden, fänden wir das nicht so gut. Hier aber dienen sie einem Zweck.“ Dieser bestehe in der dramatischen Zuspitzung von Texten, frei nach einem Ausspruch, der eigentlich der Satire gilt: „Sie darf alles, nur nicht langweilen.“

Das taten auch die Werkproben nicht, die der Mentor der Veranstaltung, der afghanische Schriftsteller Sulaiman Masomi, zum Schluss des dichterischen Projekts den begeisterten Schülern mit auf den Heimweg gab. Reimend oder in Prosa, mit Versmaß oder ohne, sowie als Rap-Gesang oder in stakkatoschneller Wortfolge gab der 32-Jährige Proben seines Könnens, die auch den Beifall von Lehrerin Britta Weihmann fanden, die zusammen mit Büchereileiterin Verena Lückel den Poetry Slam ins Leben gerufen hat und eines klarstellt: „Es sieht nach ,Denglisch‘ aus, wie wir die Unterrichtseinheit betiteln. Es gibt jedoch für diese Literaturform, die in den Straßen New Yorks als spontane Gegenwartskunst entstand, keinen adäquaten deutschen Ausdruck.“

Überhaupt waren konservative und politisch überkorrekte Geister bei dieser Lesung der etwas anderen Art bestimmt fehl am Platz. Wenn in wenig schmeichelhafter Art das Wort „Türkenar “ fällt, würde das normalerweise fast den Straftatbestand der Volksverhetzung, zumindest den der Beleidigung erfüllen. Hier ist es jedoch ein Mittel der Darstellung, wie Jugendliche in Problemsituationen miteinander umgehen, wenn gerade kein Sozialpädagoge in der Nähe ist.

„Die Textfindung geschah nach den Methoden der Wortbildung aus dem Alphabet, der Selbstbeschreibung seelischer Zustände, der freien Fantasie und mit Wortspielen“, erläuterte Daniel Schneider, unter anderem Fachlehrer für Deutsch, die Methodik des Arbeitens: „Wir haben in lockerer Atmosphäre die kreativen Prozesse spielerisch begleitet, was zu dem guten Zuspruch seitens der Jugendlichen beigetragen hat.“ Der Stoff sei Gegenstand einer intensiven Nachbereitung im regulären Unterricht, schon um die teilweise recht harten Texte nicht unkommentiert im Raum stehen zu lassen.

Für den „Poetry Slam“, zu dem die Stadtbücherei Ennepetal im Namen des Kultursekretariats Nordrhein-Westfalen eingeladen hatte, können sich alle Beteiligten eine Neuauflage gut vorstellen. So auch die Schüler, für welche die 14-jährige Ina Braun glaubwürdig äußerte: „Das hat mir sehr gut gefallen. Gerade weil die Wortwahl bisweilen recht lustig war, hat es mir viel Spaß gemacht.“ Ina glaubt übrigens nicht, dass die deftigen Passagen einen negativen Einfluss auf ihre persönliche Entwicklung haben. So sieht es auch Sulaiman Masomi: „Ich bin mit dem Ablauf sehr zufrieden, besonders weil die jungen Leute einmal richtig aus sich herausgegangen sind.“