Wo früher die Postkutsche fuhr …

Ein Blick ins Apothekergäßchen, durch das früher sogar die Postkutsche Richtung Barmen fuhr. (Foto: Frank Schmidt)

Schwelm. (zico) „Früher ist hier sogar die Postkutsche in Richtung Barmen durchgefahren“, schmunzelt Birgit Klippel und gießt ihre herrlichen Geranien vor dem denkmalgeschützten Haus Nummer 4 im Schwelmer Apothekergäßchen, das kaum zwei Schritte breit ist. „Hier weiß noch jeder über den anderen Bescheid“, sagt die blonde Kreisstädterin und denkt schon mit Wehmut an das Jahresende, wenn sie mit ihrem Mann Matthias die Nostalgiezone verlassen wird. Die Kinder sind aus dem Haus, und nun sehnt sich das Paar nach einem Haus mit Grundstück, das bald am Oberloh bezogen wird. Das Gemeinschaftsgefühl aber, dass auf dem Amboss der räumlichen Enge in diesem Bereich geschmiedet wurde, das wird die seit 18 Jahren hier lebende Frau vermissen.

Gassen, die so eng sind, dass kein Auto hindurch passt und man beim Nachbarn gegenüber hinter der Fensterscheibe die Salzkörner auf dem Frühstücksei erkennt – es gibt sie immer seltener in den vielfach pragmatisch sanierten Innenstädten. Mit ihnen verschwindet auch ein Stück traditionellen Lebensgefühls. Im Herzen Schwelms aber, rund um den Altmarkt, da findet man sie noch. Kusengäßchen und Hofgasse, Brauereigasse und Marktgasse – und natürlich das winzige Apothekergäßchen, benannt nach der im 18. Jahrhundert eröffneten Apotheke, die im Jahr 2007 einem Café wich, das in das Bergische Schieferhaus einzog.

Bäckerin Heidi Ruttkamp (links) und Kundin Birgit Klippel schätzen die Nähe im Apothekergäßchen. In der Altstadtbäckerei wird das Brot zum Teil nach Jahrhunderte alten Rezepturen gebacken. (Foto: Frank Schmidt)

Am anderen Ende des Gässchens liegt die Altstadtbäckerei Ruttkamp, die als Postadresse schon die Bezeichnung Hauptstraße trägt, gleichwohl aber den Eingang markiert. In dem 1723 nach dem großen Stadtbrand errichteten Haus eröffnete schon 1810 die erste Bäckerei. Hier kauft Birgit Klippel ihr Brot ein, das nach traditioneller Art und bis zu rund 800 Jahre alten Rezepturen hergestellt wird – zum Beispiel das weiße Dinkelbrot. „Das stammt aus dem Kochbuch von Hildegard von Bingen und ist uns vom Apotheker ans Herz gelegt worden, weil viele frühere Apothekenkunden unter Unverträglichkeiten litten, die den Verzehr von herkömmlichen Brotsorten nicht zuließen. Das weiße Dinkelbrot wird mit Dinkelmehl ohne Schale gebacken, das wir von der Stadtmühle Geisingen bekommen“, erzählt Heidi Ruttkamp: „Auch Hildegard von Bingens ,Nervenkekse‘, die wir auf Anregung einer Kundin backen, haben sich zu einem Renner entwickelt.“

Kartoffelbrot, Waldbrot oder auch das in einem Kasten gebackene Mangbrot sind Sorten, die man anderswo kaum noch erhält. Wenn Birgit Klippel, selbst berufstätig, mal nicht persönlich zum Einkauf kommen kann, dann kann sie zum Telefonhörer greifen, und Heidi oder Seniorchefin Anneliese Ruttkamp gehen die paar Schritte zu ihrer Haustür, um ihr das Brot an die Türklinke zu hängen. Anneliese Ruttkamp nämlich zählt sich mit ihren 88 Jahren längst nicht zum alten Eisen – sie lässt es sich nicht nehmen, auch noch selbst zu bedienen, so wie sie das seit 1948 tut, als ihr Mann Paul Werner seine erste Bäckerei am Winterberg eröffnete. Seit 30 Jahren ist man nun in der Altstadt und versorgt seitdem Kunden, die zum Teil auch aus anderen Städten den Weg zu den Ruttkamps finden.

Auf der Mauer des Kaal & Krißjan-Brunnens räkelt sich eine verschlafene Katze. Im Apothekergäßchen scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. (Foto: Frank Schmidt)

Gegenüber bei Jürgen Orth gibt‘s Obst und Gemüse. Der 59-Jährige ist noch länger am Platz, genau 32 Jahre, und hat in dieser Zeit „viele kommen und gehen sehen“. Geblieben ist der Zusammenhalt. „Wir passen hier schon gegenseitig auf uns auf, wenn schräge Vögel die Gegend unsicher machen, und es wird auch darauf geachtet, dass hier kein Müll herum liegt“, sagt Orth, der viele Stammkunden seit den Tagen seiner Geschäftseröffnung kennt. Und so manche von ihnen beliefert er aus alter Verbundenheit mittlerweile zu Hause: „Da gibt es welche, die mittlerweile nur noch mit dem Rollator gehen können, und die brauchen ja auch Obst und Gemüse.“ Einen Aufschlag nimmt er für seinen zeitintensiven Service nicht.

In einem sind sich die Leute einig, rund um das Apothergäßchen und den Brunnen von Kaal und Krißjan, auf dessen Mauern sich gerade ein verschlafenes Kätzchen räkelt: „Hier sprechen sich Neuigkeiten schnell herum, denn die Nachrichten haben keinen weiten Weg zurückzulegen.“ Die Jahrhunderte zogen ein und aus in Apothekergäßchen und anderen Gassen der verwinkelten Schwelmer Altstadt. Die Menschlichkeit aber ist hier noch immer zu Hause.