Unter Wasser

Die Freibadsaison ist eröffnet. Schon seit Montag finden sich die ersten tapferen Frühschwimmer wieder  morgens im Wasser ein.

Verrückt?

Ach was! Um sieben Uhr ist die Welt noch in Ordnung. Die Bäume umstehen kaum belaubt das Bad und geben den Blick in die Landschaft frei. Hundertfacher Vogelsang quillt aus dem ersten Grün. Gleißend geht die Sonne am wolkenlosen Himmel  auf. Das stille Wasser steht wie ein silberner Spiegel, der so dampft, dass in den weißen Schwaden kaum ein Schwimmerkopf zu erkennen ist.

Doch nur die Harten kommen ins Bade-Paradies. Denn: Die Solarplatten auf dem Clubhausdach sind noch vereist. Die Luft lauert schneidend kalt über dem Beckenrand. Logisch, sonst würd‘ es ja nicht so malerisch dampfen.

Und aus der Außendusche kommt der Schwall – nun – gnadenlos tiefgekühlt.

Doch das Wasser ist warm und wunderbar. Was für eine Wohltat!

Und wenn es nach einigen Bahnen doch zu kalt wird an Armen und Beinen, dann nix wie raus und ab unter die heiße Dusche. Auf dem Heimweg noch schnell zum Bäcker und dann erst einmal in aller Ruhe frühstücken. – Ahhh!

Doch: Im Innern drängen sich still die Bilder auf von denen, die zwischen Afrika oder Kleinasien und Europa um ihr Leben schwimmen. Die, die wohlmöglich gar nicht schwimmen können, besteigen in Sandalen und kurzen Hosen irgendwelche überfüllten Seelenfänger oder Schlauchboote. Wahnsinn: Sie vertrauen  ihr Leben und das ihrer Kinder der See an, der offenen See. Im April! Bei Tag und bei Nacht. Gerade heute, gerade jetzt vielleicht. Wie kalt mag das Wasser da draußen jetzt sein? Wie lange kämpft darin ein Leben, bis es verlöscht?

Heiße Dusche? Bäcker? Frühstück? Zuhause?

Schöner Sonntag?