„400 Kilometer für mein Kind“

Gevelsberg. (zico) „Wenn man auch die verlorene Zeit nicht nachholen kann, so kann man doch die verbleibende Zeit nutzen“, sagt Larissa Ramisch. Die Zwölfjährige ist Scheidungskind und spricht über jene Problematik, auf die ihr Vater Thomas mit einer besonderen Aktion nun verstärkt aufmerksam machen möchte: Kinder, die beim oft mit einer Trennung verbundenen Rosenkrieg zwischen die Fronten geraten. Nicht selten mit dem Ergebnis, dass ein Elternteil – meist der Vater – seinen Nachwuchs kaum oder gar nicht mehr sehen kann.

Nur drei Häuser entfernt

Bei Thomas Ramisch und seiner Ex-Frau war die Phase des Zorns zum Glück rasch vorüber. Obwohl seine ehemalige Partnerin heute mit einem anderen Mann in Sachsen-Anhalt lebt, sehen sich Larissa und ihr leiblicher Vater alle vier Wochen, die Beteiligten gehen offen und souverän mit der neuen Lebenssituation um. „Meine Frau hat ein neues Leben begonnen, und das akzeptiere ich voll und ganz“, erklärt Larissas Vater. Weniger problemlos gestaltete sich sein eigenes Schicksal als Scheidungskind. Als Thomas Ramisch drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern, und fortan unterband die Mutter jeglichen Kontakt. Wenn die Besuchstage kamen, an denen Vater Peter Skuballa seinen Sohn eigentlich hätte sehen dürfen, wurden plötzliche Erkrankungen oder andere Hinderungsgründe vorgeschoben, so dass Skuballa irgendwann aufgab. Besonders kurios: „Wir wohnten an der Gevelsberger Schnellmarkstraße nur drei Häuser von einander entfernt. Doch nach den vielen Absagen besaß ich nicht mehr den Mut, den Kontakt zu suchen – das hätte Ärger gegeben“, denkt Peter Skuballa.

Auch Thomas Ramisch wusste insgeheim schon früh, dass der neue Mann an der Seite der Mutter nicht sein leiblicher Vater war, sondern jener Mann aus der Schnellmarkstraße, der zuweilen aus sicherer Entfernung so interessiert herübersah, wenn man sich begegnete. „Auch ich habe mich nicht getraut, meinen Vater anzusprechen, denn mir wurde von meiner Mutter immer nur Schlechtes über ihn erzählt. Hinzu kam, dass mein Stiefvater eine rustikale Handschrift pflegte, was meine Erziehung betraf“, erinnert sich Thomas Ramisch. „Insgesamt 33 quälende Jahre vergingen so – ohne jegliche Verbindung. „Dann fiel meiner Nichte der seltsame Blickkontakt zwischen Vater und Sohn auf; sie bohrte nach und forderte mich auf, meinen Sohn anzusprechen. Vor zwei Jahren fanden wir uns auf diese Weise wieder“, ist der 65-jährige Vater heilfroh über die jüngste Entwicklung.

Problematik ins Blickfeld rücken

So sind es zwei völlig unterschiedliche Scheidungskinder-Geschichten, die Thomas Ramisch in seiner Person vereint. Und er kennt noch viel mehr, denn als Integrationslehrer bei der Lebenshilfe kümmert er sich um Kinder mit sozialen und emotionalen Schwierigkeiten, hinter denen sich nicht selten auch eine Scheidungsgeschichte verbirgt. „Auf Grund meiner eigenen Geschichte kann ich mich gut in die Kinder hinein versetzen“, so der 38-Jährige, dem es darüber hinaus auch ein Anliegen ist, die Problematik ins gesellschaftliche Blickfeld zu rücken.

„Viele Väter und Mütter kämpfen immer wieder um Besuchszeiten ihrer Kinder. Viele geben irgendwann den Kampf resigniert auf. Dafür gibt es sicherlich zahlreiche Gründe. Aber es lohnt es sich immer, für sein Kind zu kämpfen. Das Kind hat doch ein Anrecht auf beide Elternteile“, meint der Gevelsberger, der am 4. August gemeinsam mit seinem Vater zu einer gut 400 Kilometer langen Wanderung aufbricht – von Gevelsberg nach Gerbstedt bei Aschersleben; dorthin also, wo Larissa heute lebt. Es ist eine Wanderung, die gleich drei Generationen zusammen führt, denn Peter Skuballa ist mit von der Partie. „Diese Wanderung soll auch dazu führen, dass mein Sohn und ich uns besser kennen lernen“, meint Thomas Rameschs Vater, dem es ungemein wichtig ist, etwas gemeinsam mit seinem Sohn zu unternehmen. Skuballa weiß, was Trennungen bedeuten, denn zu seinen sechs Geschwistern hat er kaum noch Verbindungen: „Nur zu meiner älteren Schwester habe ich noch Kontakt, und meine zweite Frau ist vor Kurzem verstorben – kurz nach unserer Silberhochzeit.“

Das Kind niemals aufgeben

„‘400 Kilometer für mein Kind‘ soll ein Zeichen für alle Väter und Mütter sein, weiter zu machen, nicht sich und ihr Kind aufzugeben. Es soll ein Zeichen sein, dass sie vieles in ihrem Leben und das ihres Kindes verpassen, wenn man aufgibt zu kämpfen! Es soll ein Zeichen sein, dass der noch so scheinbar weit entfernteste und unerreichbarste Weg sich immer lohnt zu gehen, denn man ist bereit diesen für sein Kind zu gehen. Und sei es zu Fuß!“ bringt Thomas Ramesch den Sinn der Aktion auf den Punkt: „Die Aktion ist zudem auch ein Appell an den Gesetzgeber, die Rechte von Elternteilen zu schützen, denen das Kind nicht zugesprochen wird.“

In ihren Rucksäcken haben die beiden „Scheidungsväter“, die Ende August am Ziel sein wollen, nur wenig Gepäck, dafür aber viele Fragezeichen. „Isomatte, Campingzelt und -kocher, dazu ein paar Klamotten und etwas Verpflegung“, zählt Thomas Ramisch auf: „Wir konnten im Vorfeld auch schon ein paar Unterkünfte klar machen, aber noch längst nicht für jede Nacht. Zur Not tut es auch eine Scheune; mal schauen, was sich unterwegs ergibt. Wir werden auch mal ein T-Shirt zwei oder drei Tage tragen und unsere Socken irgendwo in einem Bach waschen müssen.“ Ein Abenteuer, das Vater und Sohn verbinden wird, bevor die beiden Gevelsberger auch die kleine Larissa in ihre Arme schließen können.

Zuerst ein paar Tränen verdrückt

Was die Zwölfjährige zu dem Projekt sagt? „Erst habe ich eine paar Tränen verdrückt, denn solch eine Wanderung ist ja vielleicht auch gefährlich. Mittlerweile aber finde ich das richtig cool“, sagt Larissa. Sie weiß, dass es bei der Wanderung vor allem auch um sie geht – und ist deshalb mittlerweile stolz auf Vater und Großvater, die sich für das Mädchen Blasen an die Füße laufen …