AVU-Vorstand Uwe Träris zieht 100-Tage-Bilanz

Gevelsberg/EN-Kreis. (Red.) Die ersten 100 Tage als Alleinvorstand der AVU AG liegen hinter ihm – für Uwe Träris eine Zeit ohne unliebsame Überraschungen. Der 50-Jährige, von den Stadtwerken Witten in die AVU-Zentrale in Gevelsberg gewechselt, sieht seine Eindrücke vom Unternehmen, die er sich vor Antritt der neuen Aufgabe verschafft hat, bestätigt. Der Wochenkurier sprach mit dem gebürtigen Freiburger über die Herausforderungen sowie über die aktuelle Lage der Branche.

Wochenkurier: Herr Träris, das erste Quartal bei der AVU liegt hinter Ihnen. Welches Fazit zu Ihrem Start ziehen Sie?

Uwe Träris: Ein gutes! Außendarstellung und Innenleben der AVU stimmen überein. Die AVU ist ein solide geführtes Unternehmen mit qualifizierten, motivierten Mitarbeitern. Wir sind als Stadtwerk der Region sehr gut aufgestellt und versehen in den Bereichen Strom, Gas und Wasser als Händler, Netzbetreiber und Lieferant einen breiten Aufgabenbereich für die kommunale Daseinsvorsorge. Dabei behaupten wir uns stark im Wettbewerb.

Dennoch ist die Situation für die Branche nicht einfach …

In der Tat sind die Herausforderungen auf dem Energiesektor insgesamt gewaltig. Die Versorgung in Deutschland wird umgebaut, weg von zentralen Großkraftwerken und hin zu kleinen, dezentralen Kraftwerken. Diese auch von mir gewünschte Umstellung muss allerdings harmonisch erfolgen, sonst sind über 100.000 Arbeitsplätze bedroht. Es darf nicht sein, dass die subventionierte Branche der erneuerbaren Energien massiv andere Arbeitsplätze vernichtet. Der Branche sind die Vorgaben derzeit zu radikal. Es erscheint nicht sinnvoll, dass vor wenigen Jahren aufwändig sanierte Gaskraftwerke mit den neuesten umwelttechnischen Standards heute nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können.

Welche Folgen hat diese Entwicklung für die AVU?

Die AVU setzt seit langer Zeit auf einen breiten Energie-Mix und hat schon früh auch auf eine ökologisch nachhaltige Versorgung gesetzt. Beispiele hierfür sind das Produkt Grün-Strom, Aktionen wie „40 dazu“, bei der der Erwerb stromsparender Geräte bezuschusst wird, sowie die Initiative Energie Effizienz-Region Ennepe-Ruhr, zu der die AVU den Anstoß gab. Die AVU Serviceplus ist auf dem Feld der erneuerbaren Energien sehr aktiv. So soll im kommenden Jahr ein Windrad in Breckerfeld in Betrieb genommen werden.

Ein Projekt, bei dem, wie vielerorts bei solchen Vorhaben, mit Widerstand zu rechnen ist …

Deshalb binden wir Anwohner und die Kommunalpolitik frühzeitig ein und informieren intensiv über unser Vorhaben. Natürlich gibt es auch Gegner; seit Stuttgart 21 laufen kaum noch Großprojekte ohne Proteste, auch auf dem Energiesektor. Man denke zum Beispiel an die Höchstspannungstrassen in Bayern und anderswo. Daher wollen wir die Bevölkerung in diesem Prozess mitnehmen, denn wir halten den vorgesehenen Standort in Breckerfeld für ideal.

Wie sinnvoll sind solche Anlagen in unseren Breiten?

Sie sind ein wichtiger Baustein und tragen dazu bei, dass künftig bis zu 50 Prozent des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien abgedeckt werden können. Das Problem grundsätzlich ist: Was passiert, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht? Für diese Phasen müssen Gaskraftwerke am Markt gehalten werden, was mit den jetzigen Preisen im Stromhandel jedoch nicht geht. Aus wirtschaftlicher Sicht müssten demnach Gas-Kraftwerke abgeschaltet werden – doch sie werden derzeit noch gebraucht. Mittel- und langfristig müssen wir Möglichkeiten entwickeln, ökologisch erzeugte Energie besser zu speichern.

In Sachen Mobilität setzt die AVU ebenfalls auf Nachhaltigkeit …

Ja, der Bereich Elektromobilität ist eines unserer großen Arbeitsfelder. Wir erleben ja derzeit einen Boom bei den E-Bikes, die Jahr für Jahr Zuwachsraten von 30 bis 40 Prozent erzielen. Fahrräder mit zusätzlichem Elektromotor sind ein großer Freizeitspaß. Bei den Elektroautos ist die Reichweite das Problem, wobei man wissen muss, dass die meisten zurückgelegten Strecken Kurzstrecken sind. Es gilt, ein flächendeckendes Netz mit Ladestationen aufzubauen. Die AVU gewährt E-Mobil-Käufern einen Zuschuss bei der Installation ihrer Ladestation. Elektroautos werden sich durchsetzen, wenn sie auch auf langen Strecken effizient und ohne lange Ladezeiten eingesetzt werden können.

Im Bereich Wasserversorgung geht es im Gegensatz zum Thema Energie etwas ruhiger zu …

Hier genießen AVU-Kunden seit vielen Jahren Preisstabilität, und das wird auch in diesem Jahr so bleiben. Ein sensibles Thema ist hier das Fracking, ein Verfahren zur Gas- und Erdölgewinnung, das zu Grundwasser-Verunreinigungen führen kann. Die AVU steht dem Fracking sehr kritisch gegenüber, denn Wasser ist unser wichtigstes Grundnahrungsmittel. Unser Versorgungsgebiet wird allerdings nicht vom Fracking betroffen sein.

Die AVU ist nicht nur Versorgungsdienstleister, sondern auch ein wichtiger wirtschaftlicher und sozialer Akteur der heimischen Region. Welche Pläne verfolgen Sie auf diesem Gebiet?

Wir arbeiten im Wesentlichen mit regionalen Partnern zusammen, generieren für den Ennepe-Ruhr-Kreis eine Wertschöpfung von rund 70 Millionen Euro pro Jahr. 470 AVU-Mitarbeiter leben mit ihren Familien hier, kaufen hier ein und zahlen hier ihre Steuern. Somit kurbelt die AVU auch die heimische Wirtschaft an. Mit rund 230.000 Euro fördern wir zudem Kultur, Sport, Stadtmarketing, Schule und ökologisches Engagement. Diesen Bereich haben wir gerade auf neue Beine gestellt. Hieß es bislang „Junges EN“, so wird nun unter dem Titel „ENKrone“ mit Schirmherr Olaf Thon das Ehrenamt in allen Bereichen gefördert. Dabei legen wir auch Wert darauf, dass sich die geförderten Projektpartner untereinander vernetzen und sich so gegenseitig befruchten – zum Wohl der Region und unseres Versorgungsgebietes, das ja nicht nur eine Stadt, sondern sieben Städte umfasst.