Dötze lernen artgerechten Umgang

Beobachtet von einer furchtlosen Klasse 2b der Grundschule Börgersbruch, springt golden Retriever Balu über die menschlichen Hindernisse. (Foto: Frank Schmidt)

Sprockhövel/Gevelsberg. (zico) „Komm, Balu“, ruft Barbara Brockhaus, und die Dötze der Klasse 2b aus der Grundschule Börgersbruch in Sprockhövel bilden mit ihren kurzen Beinen auf dem Schulhof einen Tunnel. Schon wuselt sich der prächtige Golden Retriever durch die entstandene Höhle, und hatten die Kinder zu Beginn des Trainings zum Teil noch einen Heidenrespekt vor den Vierbeinern, so ist der Umgang mit dem „besten Freund des Menschen“ längst zu einem unbeschwerten Spaß für sie geworden.

Ein Spaß, für den es allerdings klare Regeln gibt. „Helfer auf vier Pfoten“ heißt das Programm, mit dem im Ennepe-Ruhr-Kreis der Schutz- und Polizeihundeverein Gevelsberg Jungen und Mädchen im Kindergarten- sowie im Grundschulalter für den Umgang mit Hunden sensibilisiert. Manfred Hoeppner zeichnet als Koordinator seit 2006 für das Programm verantwortlich – und kann sich vor Anfragen kaum retten. „In jedem Quartal nehmen wir rund 30 Termine war; 25 Mitglieder mit 17 ausgebildeten Hunden besuchen die Einrichtungen und leiten im Zusammenspiel mit den Lehrern das Training“, so der 61-Jährige, der in der Region nach weiteren Hundehaltern sucht, die sich an dem Programm beteiligen möchten. Denn mittlerweile hat sich der Wert dieses Angebots herumgesprochen; mittlerweile kommen Anfragen auch aus entfernteren Regionen, zuletzt zum Beispiel sogar aus Osnabrück.

Angst, das etwas passiert, müssen Eltern, Lehrer und Kinder vor den Tieren nicht haben, denn die werden in mehreren, eigens von der Universität Berlin entwickelten Verhaltenstests umfangreich auf die mit den Unterrichtsstunden verbundenen Stresssituationen vorbereitet. „Ein Hund hat vier Möglichkeiten, auf solche Situationen zu reagieren. Er kann kämpfen, flüchten, flirten oder die Situation aussitzen. Wichtig ist, dass er nicht kämpft“, so Hoeppner, der früher als Bauingenieur berufstätig war: „Die Hunde sind nach den Übungsstunden meist total erschöpft und schlafen drei, vier Stunden. Doch die Ergebnisse der Trainings sind die Mühen für Mensch und Tier wert.“

Die größte Angst, so Hoeppners Erfahrung, sind meist die jungs mit der größten Klappe, die schon zu Beginn der Stunde mit störendem Verhalten auffallen. So wie Tim, den er unlängst an einer Schule erlebte und der sich nicht einmal traute, dem Tier ein Leckerchen zu reichen. „Solche Kinder lasse ich erst einmal ganz bewuss links liegen; die kommen dann schon selbst aus reiner Neugier, wenn sie sehen, wie die anderen Kinder Vertrauen fassen“, plaudert Hoeppner aus der (Hunde-)Schule. Auch Tim taute später noch auf und reichte, halb verdeckt von einem anderen Kind, mit einem langen Löffel ein Leckerchen an den für ihn zunächst furchterregenden Vierbeiner.

Insgesamt zwölf goldene Regeln werden den Kindern in zwei Unterrichtseinheiten vermittelt:

  1. Behandle einen Hund so, wie du selbst behandelt werden möchtest.
  2. Ein Hund kann noch so lieb aussehen – geh nur zu ihm, wenn sein Besitzer es erlaubt hat.
  3. Vermeide alles, was ein Hund als Bedrohung auffassen könnte.
  4. Schau einem Hund nicht starr in die Augen.
  5. Komm nicht in die Schwanznähe, versuch nicht, daran zu ziehen, und tritt nicht darauf.
  6. Stör keinen Hund beim Fressen. Versuch nie, ihm sein Fressen wegzunehmen.
  7. Wenn du mit einem Hund spielst, achte darauf, den Zähnen nicht zu nahe zu kommen.
  8. Versuch nie, raufende Hunde zu trennen.
  9. Egal, ob du Angst hast oder nicht: Lauf nie vor einem Hund davon.
  10. Du hast zwei Hände. Der Hund hat nur seine Zähne, um etwas festzuhalten.
  11. Wenn du mit einem Hund spielst, achte immer darauf, dass ein Erwachsener in der Nähe ist.
  12. Kein Hund ist wie der andere.
Manfred Hoeppner, Koordinator des Programms „Helfer auf vier Pfoten“, bekommt oft Hundezeichnungen als Dank für den Besuch in Kindergärten und Grundschulen. (Foto: Frank Schmidt)

Auch Anne Burbulla, Klassenlehrerin der 2b, und Lehramtsanwärterin Stefanie Joseph, die die Sieben- bis Achtjährigen Kinder mit betreut, freuen sich über die Fortschritte, die ihre Schüler machen. Im Unterricht haben sie den tierischen Besuch vier Wochen land im Deutsch- sowie im Sachunterricht sorgfältig vorbereitet, damit sich die Schüler auf die Situation einstellen konnten. Zufrieden sehen die Pädagoginnen, wie einige ihrer Schützlinge mit Hund an der Leine ganz allein ihre Runden drehen – auf dem Weg, den die Schüler vorgeben und nicht von den Hunden nach deren Willen gezogen. Es handelt sich allerdings auch um sehr geduldige und gelehrige Shelties und Golden Retriever, die Barbara Brockhaus, Nanny Mehlich und Mechthild Thomas vom Schutz- und Polizeihundeverein Gevelsberg zum Training mitgebracht haben.

„Die Aktion, die vom Deutschen Verband für Gebrauchshundesportvereine, vom Verband für das deutsche Hundewesen sowie vom Sponsor Royal Canin aufgezogen wird, zieht immer weitere Kreise, zumal sie für die Schulen und Kindergärten gratis ist“, freut sich Manfred Hoeppner, der selbst eine furchterregend aussehende französische Bulldogge namens „Ego“ zu den Trainings mitbringt: „Und für die Kinder ist es ein Riesenerlebnis – oft bekomme ich anschließend Zeichnungen von Hunden von den Jungen und Mädchen zugeschickt, mit denen sie sich bedanken.“

Hoeppner hofft, dass seine Gruppe von Hundeführern bald größer wird, damit er noch mehr Termine an Interessenten vergeben kann. Wer seinen Hund entsprechend ausbilden lassen möchte, kann unter Ruf (02332) 4680 Kontakt aufnehmen – ebenso wie Erzieher und Lehrer, die das Programm „Helfer auf vier Pfoten“ in ihren Schulen stattfinden lassen möchten.