„Fremd“ im eigenen Körper

Ennepetal. (Sche) Man sieht es der jungen Frau auf dem Bild nicht an, dass sie fast dreißig Jahre lang als Junge und Mann gelebt hat. „Besonders in der schon für die anderen problematischen Pubertät litt ich zusätzlich an meiner inneren Zerrissenheit“, erzählt Miriam Kassner, die erst seit einer chirurgischen Operation vor drei Jahren rundum eine Frau ist: „Nur Kinder kann ich nicht bekommen, aber auch da macht die Medizin in der Zukunft vielleicht Fortschritte.“ Die Hormonbehandlung begann bereits im Jahr 2007.

Miriam Kassner liebt den Umgang mit neuen Medien und hat ihre Erlebnisse deshalb auch als eBook veröffentlicht. (Foto: Privat)

Soweit das Biologisch-Technische des Übergangs eines Menschen, der sich von frühester Jugend an als „im fremden Körper“ fühlte. Aber wie reagiert die Umwelt auf den nicht alltäglichen Wechsel zwischen den Geschlechtern? „Nachdem ich mit etwa 14 Jahren vollständig begriffen hatte, was in mir vorging, kam ich zunächst überhaupt nicht damit klar“, erzählt die 1979 Geborene: „Man lebt in einer Jungenswelt, ahnt die drohende Ablehnung und entwickelt Strategien, um doch noch dazuzugehören.“ Damals habe sie wahre schauspielerische Meisterleistungen geboten, um in Kleidung, Benehmen und Interessen in das männlich geprägte Umfeld zu passen. „Selbst bis zu den ersten sexuellen Regungen habe ich alles getan, um als echter Junge zu gelten“, erinnert sich Miriam Kassner an ihre seelische Achterbahnfahrt: „Sogar zum Muskelaufbautraining bin ich gegangen, um wie ein richtiger Mann auszusehen.“

Im Gegensatz dazu bemerkte sie mehr und mehr, wie sie typisch weibliche Interessen entwickelte und die Mädchen um ihr elegantes Erscheinungsbild beneidete. Schließlich brach der Damm im Alter von 27 Jahren. „Als ich mich zu meinem Wesen bekannte, war es gar nicht so schlimm wie befürchtet“, ist Miriam Kassner ihren Mitbürgern noch heute für das Verständnis dankbar: „Im Jahr 2006 war immerhin schon so viel Aufklärungsarbeit geleistet worden, dass man sich nicht gebrandmarkt fühlte.“ Dennoch sei die Lage im beschaulichen Ennepetal doch etwas schwieriger gewesen als sie sich vielleicht in einer Großstadt wie Berlin dargestellt hätte. „Aber nach meinem Outing standen plötzlich meine Freunde mit blauen Säcken vor der Tür und brachten mir Kleidung von ihren Schwestern oder Freundinnen“, ist Miriam Kassner noch heute dankbar: „Damit war das Eis gebrochen, wenn auch im Alltag noch viel zu bewältigen war.“ Zwar gab es im Hintergrund so manche Frotzeleien, und auch die Lästermäuler blieben nicht stumm, aber das erklärt die zu ihrer neuen Identität Gelangte mehr mit der Unsicherheit und Unwissenheit ihrer Gegenüber als mit wirklich böser Gesinnung.

Um den teilweise etwas verständnislos reagierenden Zeitgenossen wenigstens ansatzweise zu vermitteln, was sie zu diesem Schritt trieb, hat Miriam Kassner das Buch „Miriam Kassner – Option B bitte: Einzelfahrschein“ geschrieben, das im Eigenverlag bei Books on Demand erschienen und in den Buchhandlungen der Region erhältlich ist. „Schreiben ist eine Passion von mir“, bekennt die Autorin: „Daneben liebe ich die Musik, verfasse selbst Lieder und spiele Theater, wobei ich da allerdings lieber hinter den Kulissen wirke.“ Eine noch als junger Mann nach dem Fachabitur für Bürowirtschaft ausgeübte Tätigkeit bei der ehemaligen Firma Garthe hat Miriam Kassner nach einem halben Jahr wieder aufgegeben, weil sie zum Einen nicht ihren Neigungen entsprach und sich zum Anderen auch nicht mit ihrer angegriffenen Gesundheit, einem Augenleiden, vertrug.

Jetzt ist die rührige Frau voll in der Kunst und im Kreativen aufgegangen; sie plant für September die Fertigstellung ihres nächsten Buchs, an dem sie schon fleißig arbeitet.

,Option B bitte‘ ist als Buch (ISBN: 978-3844803518) und eBook (ISBN: 9783844845679) im Handel erhältlich.