Für drei Tage Landtagspolitiker

Robin Bracht und Sara Sahi nahmen in dieser Woche die Plätze der Abgeordneten Hubertus Kramer (stehend, links) und Professor Rainer Bovermann im Düsseldorfer Landtag ein. (Foto: Frank Schmidt)
Robin Bracht und Sara Sahi nahmen in dieser Woche die Plätze der Abgeordneten Hubertus Kramer (stehend, links) und Professor Rainer Bovermann im Düsseldorfer Landtag ein. (Foto: Frank Schmidt)

Gevelsberg/Sprockhövel. (zico) „In meiner Jahrgangsstufe wissen vielleicht drei, vier Leute, welche Parteien im Bundestag vertreten sind“, sagt Robin Bracht (17). An der Gesamtschule Haspe kann der junge Gevelsberger mit seinem politischen Interesse ebenso wenig bei seinen Mitschülern punkten wie mit seinem Engagement bei der Jugendfeuerwehr.

Sara Sahi (16) hat am Gymnasium Gevelsberg ganz ähnliche Erfrahrungen gemacht, teilweise auch mit Lehrern. Immerhin gibt es dort eine Politik-Arbeitsgemeinschaft, und mit der fuhr die Haßlinghauserin vor einiger Zeit zum NRW-Tag nach Detmold, um prompt mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft über das Thema „Politikverdrossenheit“ ins Gespräch zu kommen. Am Ende des Gesprächs stand eine Einladung zum Jugendparlament NRW.

Was das ist? – Parlamentsarbeit kennen lernen

Seit 2008 überlassen die 237 nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten ihre Abgeordnetensessel einmal im Jahr für drei Tage jungen Menschen, die in dieser Zeit intensiv die Arbeit der Volksvertreter kennen lernen. Und zwar nicht in Form von Vorträgen und Besichtigungen, sondern ganz praktisch. Sie schließen sich zu Fraktionen zusammen, hören Experten an, erarbeiten Gesetzentwürfe, schreiben Reden und führen Plenardebatten, um am Ende Gesetze zu beschließen.

Die haben zwar keine Gültigkeit, aber „die Ansätze der jungen Leute werden ernst genommen und bei unseren Beratungen ernsthaft berücksichtigt“, sagt Hubertus Kramer, der seinen Stuhl Robin Bracht überlässt. Das ist ein aufgeweckter junger Mann mit viel Sinn fürs Gemeinwohl, der sich bei der Wahl seiner politischen Farbe bereits festgelegt hat: „Ich habe mich vor drei Jahren den Jungsozialisten angeschlossen und bin im Mai auch in die SPD eingetreten.“ Aber auch bei der Jugendfeuerwehr, wo er die Feuerwehrtechnische Ausbildung absolviert, macht er mit, und als Kirmesaktiver gehört er dem diesjährigen Kirmeszugsieger KG Börkey an.

„Gevelsberg liegt mir am Herzen“, sagt er, und fast klingt das schon nach einem „alten Hasen“, der gerade im Wahlkampf steht. Doch Robin Bracht, der auch schon einen einjährigen USA-Aufenthalt erlebte, weiß auch ganz konkret, was er politisch ändern will. „Mit der Energiewende geht es viel zu langsam voran“, schreibt er den Altvorderen ins Stammbuch. Auch den Belastungen des Ganztages-Schulbetriebs möchte er Grenzen setzen: „Jeden Tag bis 5 Uhr in die Schule – das kann nicht gut sein. Und der Druck, der dort auf die Schüker ausgeübt wird, ist für das Lernen nicht sinnvoll.“

Feten und Fahren als konkrete Themen

Sara Sahi hat ebenfalls konkrete Gesetzesvorhaben im Visier: „Wenn man der Politikverdrossenheit entgegen treten will, dann führt man am Besten das Wahlrecht ab 16 Jahren ein – und zwar auf allen Ebenen.“ Sie ist die Jugendparlamentsabgeordnete, die von Hubertus Kramers sozialdemokratischem Parteifreund Professor Rainer Bovermann nach Düsseldorf geschickt wird.

In dieser Woche setzen sich die jungen Leute jedoch mit zwei anderen, für diese Altersgruppe ebenfalls wichtigen Themen auseinander. Zum einen geht es um „Begleitetes Fahren mit 16“, zum anderen um das Verbot „Keine Feten an stillen Feiertagen“. Damit das Jugendparlament arbeitsfähig wird, konstituieren sich zunächst die Fraktionen, wählen ihre Vorsitzenden und Stellvertreter. Dann werden Experten angehört – zum begleiteten Fahren beispielsweise von der Landesverkehrswacht, von der Dekra und vom ADAC, zum Feiern an Feiertagen aus den Reihen der evangelischen und katholischen Kirche sowie vom Hotel- und Gaststättenverband DeHoGa. Intensive Beratungen in Fraktionen und Ausschüssen folgen, bevor in der abschließenden Plenarsitzung Entscheidungen getroffen werden.

Sehr fruchtbar erwies sich die Arbeit der früheren Jugendparlamente, die sich unter anderem mit den Themen „Europa voran bringen“, „Schule zukunftsfährig machen“, „Alkoholkonsum einschränken“ und „Schule soll Ehrenamt fördern“ auseinandersetzten. „Manches, was die Jugendlichen vortragen, ist aber auch ein Fall für die Verfassungskommission – etwa das Wahlrecht ab 16“, sagt Professor Rainer Bovermann, der auch immer wieder für die Anstöße aus den Reihen der den Landtag besichtigenden Besuchergruppen dankbar ist: „Da wird doch vieles ganz anders gesehen als wir Politiker das tun“.

Frischer Wind im Parlament kann also nichts schaden, und vielleicht erobern Sara Sahi und Robin Bracht ja tatsächlich eines Tages einen Sitz – dann für länger als drei Tage. Robin Bracht jedenfalls kann sich eine Kandidatur für den Stadtrat durchaus vorstellen, und auch Sara Sahi weiß bereits, für welche politische Partei ihr Herz schlägt. „Aber die verrate ich noch nicht“, schmunzelt sie. Dass Schweigen auch in der Politik manchmal Gold ist, hat sie jedenfalls schon verinnerlicht