Nach dem Abi an die Front

Gevelsberg. (Sche) „Mit überschwänglichem Jubel zogen Männer und Jünglinge hinaus“, schreibt Chronist Franz Overkott in seinem Gevelsberger Heimatbuch über die Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg. Da war es in der Engelbertstadt nicht anders als im gesamten Reich, wo man voller Empörung und in weit verbreiteteter Militär- und Kriegsbegeisterung auf die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz-Ferdinand in Sarajewo reagierte. „Deutschland musste nach dem Attentat den Verbündeten zu Hilfe kommen“, was Kaiser Wilhelm II. laut Gevelsberger Zeitung vom 1. Juli 1914 mit einem sofortigen Besuch in Wien bewies. Dass Armee und Kriegsmarine einen hohen Stellenwert im kaiserlichen Deutschland hatten, kann man auch dem Theaterstück „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer entnehmen.

Franz Overkott, ehemals Konrektor der katholischen Grundschule St. Engelbert, berichtet in seinem 1956 erschienenen Heimatbuch von Treffen der Kriegs- und Veteranenkameradschaften, die mit schmetternden Musikkapellen und in schmucken Uniformen des gewonnenen Kriegs gegen Frankreich im Jahr 1871 gedachten.

Tagesordnung

Aber nicht alles war Tschingderassabum im alten Gevelsberg. Man widmete sich in der Stadt den Angelegenheiten, die im Großen und Ganzen auch heute auf der Tagesordnung stehen. So meldete die Gevelsberger Zeitung am 1. Juli 1914 auf der Regionalseite, dass die Bahn zu einer Haftung für Schäden an Gütern in offenen Wagen verdonnert wurde. Im Bildungsbereich, so berichtet es die Chronik des Gevelsberger Gymnasiums von 1832 bis 1975, ebenfalls von Franz Overkott verfasst, feierte man Ostern 1914 einen der ersten Abiturjahrgänge. Die Tragik liegt allerdings darin, dass einige Monate später die meisten der männlichen Absolventen an die Front ziehen mussten.

Für die jungen Damen gab es andere „Verwendungen“, die in das Rollenschema der damaligen Zeit passten. So fand sich am 1. Juli 1914 in der Gevelsberger Zeitung eine Anzeige, in welcher Eltern ein „junges Mädchen mit Liebe zu Kindern für nachmittags“ suchten. Die Handelsschule C. J. Hilgers in Barmen bot an, Ehefrauen und Töchter von Gewerbetreibenden und Kaufleuten in den Nachmittags- und Abendstunden für „Arbeiten im eigenen Kontor“ auszubilden.

Damalige Infrastruktur

Die Infrastruktur rund um Gevelsberg sah kurz vor dem Ersten Weltkrieg so aus: Wichtiges Verkehrsmittel war die Straßenbahn von Haßlinghausen über Gevelsberg und Milspe nach Voerde. 1913 in Betrieb genommen und mit 785.529 Reichsmark Anlagekapital versehen, musste diese Linie bereits 1918 wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben werden. So erging es auch einer parallel eingerichteten Autobusverbindung.

Schon 1913 gab es in der Stadt an der Ennepe 720 Telefonanschlüsse, über welche die Gevelsberger 1.132.037 Gespräche führten.

Die damals noch neue Ennepesperre mit einem Fassungsvermögen von 12,6 Millionen Kubikmeter Wasser bekam zwischen 1912 und 1913 eine um zehn Meter erhöhte Staumauer.

Am 5. September 1911 war bereits der Anschluss an das Ferngasnetz mit der Leitung über Remscheid und Solingen erfolgt. Ab März 1912 fanden die Bauarbeiten zum Anschluss der Verbraucher statt, so dass 1914 Gevelsberg im Licht von 300 Gaslaternen erstrahlte und viele Haushalte bereits bequem mit Wärme und Küchenenergie versorgt waren. Der Laden für Saisonartikel von Heinrich Bremke an der Mittelstraße 43 veranstaltete am Mittwoch, 1. Juli 1914, einen „Saison-Ausverkauf“.

All das zeigte ein friedliches Bild, was allerdings die Hauptmeldung auf der Titelseite der Gevelsberger Zeitung vom 1. Juli 1914 erheblich in Frage stellte. „Nach dem Attentat von Sarajewo“ – so titelte der Verfasser des Artikels. „Die Kriegsbegeisterung von 1870 lodert wieder auf“, meldete das Blatt am 3. August 1914. Da war der Erste Weltkrieg schon erklärt und zwei Tage alt.