Pütt-Kumpel trifft „Melancholie“

Ennepetal. (Sche) „Was will uns der Künstler damit sagen?“ lautet die aus Schulzeiten vielen noch bekannte Standard-Lehrerfrage. Die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Saskia Lipps verlegte sich bei der Vorstellung der zweiten und vor dem Umbau der Hauptstelle letzten Wochenausstellung in der Kundenhalle der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld vor wenigen Tagen eher auf einen Dialog über die gezeigten Werke.

Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Saskia Lipps (links) verstand es, die Reichenbach-Schüler für die ausgestellten Werke zu interessieren. (Foto: Stefan Scheler)

Ihre Partner dabei waren Schüler des Reichenbach-Gymnasiums Ennepetal aus den Jahrgangsstufen zehn und elf. Etwa 50 Teilnehmer an den in der Oberschule angebotenen Kunstkursen setzten sich mit den Bildern „Ruhender Bergmann“ von Hermann Käthelhön (1884 – 1940) und Roswitha Lüder, geboren 1935, auseinander. Johannes Dennda von der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld, selbst aktiver Künstler, erläuterte zur Begrüßung kurz das Konzept des Ein-Wochen-Museums. Danach präsentiert das Geldinstitut in der ersten vollen Woche jeden Quartals von Montag bis Freitag ausgewählte Werke, die in einem bestimmten thematischen Kontext stehen. Diesmal zeigte die Ausstellung zwei Porträtbilder, die jedoch ohne wissenschaftliche Erläuterung nicht ohne Weiteres als solche zu erkennen waren. Deshalb unternahm Saskia Lipps in der Diskussion mit den Schülern eine Entdeckungstour in die Gefühlswelt der Schöpfer beider Werke, im einer sachgerechten Interpretation näher zu kommen. „Porträts sind das Leitmotiv unseres aktuellen Kunstunterrichts“, machte Fachlehrer Jürgen Schlothauer, der zusammen mit Referendarin Carolin Osthaus die pädagogische Begleitung stellte, klar, warum man konkret diese Schau der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld in den Fokus der außerschulischen Unterrichtsstunde gestellt hatte.

Dass der „Ruhende Bergmann“, eine Kreidearbeit des in Essen-Margarethenhöhe beheimateten und damit die Bergbau-Szene gut kennenden Herrmann Käthelhön, ein Porträt darstellte, war allen Beteiligten schnell klar, obwohl der Kumpel den Betrachter nicht, wie bei solchen Gemälden sonst üblich, frontal anblickt. Stattdessen hockt er, sein Arbeitsgerät umklammernd, zusammengesunken und vom Betrachter abgewandt in seinem Stollen. Man sieht dem Mann an, dass er von seiner Tätigkeit erschöpft und abgekämpft ist; zudem scheint er desillusioniert, was die in dem Werk vorherrschenden dunklen Grautöne noch unterstreichen. Das war für Saskia Lipps der Anknüpfungspunkt für das zweite Bild namens „Melancholie“, denn der Zustand des Bergarbeiters kommt der aus dem Altgriechischen übersetzt als „Schwarzgalligkeit“ bezeichneten Gemütshaltung sehr nahe, die sich auch bei der kollagenhaft anmutenden Arbeit von Roswitha Lüder dem Betrachter aufdrängt.

Diese ist eher abstrakt gehalten und verwandelt menschliche Gestalten in Schemen, denen die Melancholie nicht auf den ersten Blick anzusehen ist. Dazu bedurfte es der Erläuterungen auch von Fachmann Jürgen Schlothauer, der die Sache gewissermaßen von außen anging und sich auf den Rahmen bezog. „Hier zwängt die rechteckige Begrenzung die Personen in eine Situation, in der sie kaputt und sperrig wirken“, führte der Kunstlehrer aus: „Die negativ anmutende Weltschmerz-Empfindung ist es, welche die Personen auf dieser Darstellung ausmacht.“ Das sei wahre Melancholie und bilde äußerlich das innere Wesen dieser Gestalten ab. Darin zeige sich der eigentliche Zweck eines Porträts.

Der Pädagoge verriet in seinem Dank an Johannes Dennda und Saskia Lipps, dass sein Kunst-Leistungskurs gerade selbst an Porträtmalerei arbeite und die in der Sparkassen-Hauptstelle gezeigten Exponate daher eine gute Inspirationsquelle für seine Schützlinge seien.